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Märchen des Mittelalters
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ihn in den Tod triebeft.« Der Kaufmann aber antwortete: »Du fpridift um*fonft. Ohne Zweifel habe ich das Recht auf meiner Seite: fo wie fich er nachfeinem freien Willen verpflichtet hat, fo werde ich den Vertrag nach meinemfreien Willen halten, wie es das Gefetz verlangt, und ihm daher keine Gnadeerzeigen; er ilt zu mir gekommen, nicht ich zu ihm.« Und das Fräulein fagtezu dem Kaufmann: »Ich bitte dich, wieviel foll ich dir geben, daß du meineBitte erhörft? Als Gefchenk von mir will ich dir dein Geld verdoppeln, undfo dir das nicht recht ilt, fo hcifche von mir, was du willft, und ich werde es dirgeben.« Der Kaufmann aber fagte: »Habe ich es dir denn noch nicht deutlichgenug gefagt, daß ich meinen Vertrag haben will? Glaube es doch einmal!«

Nun aber fagte das Fräulein vor allen, die da waren: »Herr Richter, fälleteinen gerechten Spruch nach dem, was ich Euch fagen werde. Ihr habt gehört,wieviel ich dem Kaufmanne für das Leben des Ritters geboten habe und wieer alles abgelehnt hat und die Wohltat des Gefetzes lucht,- und das ilt mir ganzlieb. Höret mich alfo, Ihr Herren allefamt: Ihr wißt, daß fich der Ritter durchfeine Verfchreibung nie zu etwas anderm verpflichtet hat, als daß der Kaufmanndas Recht haben foll, ihm das Fleifch von den Knochen zu fchneiden/ von einemBlutvergießen ift nie ein Wort gefprochen worden. Kann er denn das Fleifchfchneiden, ohne Blut zu vergießen, dann möge er auf der Stelle Hand an ihnlegen,- vergießt er aber Blut, dann foll der König wider ihn walten.« Als diesder Kaufmann hörte, fagte er: »Gebt mir mein Geld, und ich verzichte aufjeden Anfpriich.« Das Fräulein aber antwortete: »Nein, fage ich dir, du wirftkein Geld bekommen, weil du, obwohl ich dir geboten habe, wieviel ich nurvermochte, nichts genommen, fondern gerufen haft: Ich will meiden Vertraghaben. Leg alfo Hand an ihn, aber hüte dich, einen Tropfen Bluts zu ver-gießen.« Dergeftalt Iah fich der Kaufmann überliftet und zog ab, und fo wal-dein Ritter das Leben gerettet, und er bezahlte nicht einen Heller. Und dasFräulein kehrte nach Haufe zurück, zog fich aus und kleidete fich wieder alsWeib.

Als dann auch ihr geliebter Ritter heimkam, fprang fie ihm entgegen undfragte ihn, gleich als wüßte fie von nichts, wie er der Gefahr entronnen fei.Und er erzählte: »O liebfte Herrin, du über alles geliebte, heute wäre es mirbald ans Leben gegangen. Als ich aber hätte zum Tode verurteilt werden follen,da trat auf einmal ein Ritter ein, ein fchöner Jüngling, fo daß ich einen fchönernnie noch gefehen habe, und der hat mich durch feine Klugheit nicht nur vomTode gerettet, fondern auch von jeder Zahlung befreit.« Sagte das Fräulein:»Da bift du undankbar gewefen, daß du den Ritter, der dir das Leben gerettethat, nicht zum Mahle einludeft.« Und der Ritter: »Plötzlich ift er eingetreten,

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