Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
160
Einzelbild herunterladen
 

begann er zu klagen und mit fich zu hadern und rief: »Ach, Herrgott, wievielÜbels hat midi heute betroffen! Und wenn ich es richtig befinne, fo ift die Schuldzu großem Teile mein. Von wannen ift mir der ftolze Mut gekommen, daß ichden Schmerlaib verachtet, den Schinken verfchmäht habe? Mein Vater war keinArzt, und auch ich habe die Heilkunft nicht gelernt/ hatte ich es nötig, denArzt zu machen und der Stute den Dorn herausziehen zu wollen? Und Richterwar mein Vater auch nicht, noch habe ich das Recht gelernt, wiefo ift mir ein*gefallen, den Vogt zu machen und den Widdern Urteil fprechen zu wollen?Und Priefter war mein Vater auch nicht, und ich bin der Schrift nicht kundig,von wannen ift mir in den Sinn gekommen, die Ferkel zu taufen? Geiftlich warmein Vater nicht, und ich habe keine kirchliche Würde, wie ift mir denn dasIrrfal gekommen, den Bifchof machen zu wollen und die Melle zu fingen und denSegen zu fpenden? Ach, wenn nur, du lieber Herrgott, ein Schwert herab»führe von dem Himmel und mich weidlich träfe!«

Oben auf dem Baume aber war ein Bauer, um die Alte zu ftutzen, undder hatte all das Reden des Wolfes gehört, und als der Wolf mit feiner Klagezu Ende war, fchleuderte er fein Beil herab auf ihn, und er traf ihn fo wuchtig,daß der Wolf herumtaumelte wie ein Rad, und nach kurzer Weile fprang derWolf wieder auf und blickte gen Himmel und in den Baum hinauf und fagte:»Ach, du lieber Gott, was für ein kräftiger Gnadenort ift hier, und wie baldwerden die Gebete erhört!«

Und am ganzen Leibe wund und zerfchlagen, machte er fich eilendenLaufes auf den Heimweg in den Wald, nun ebenfo gedemütigt, wie er vordem

hoffärtig gewefen war.

160