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Märchen des Mittelalters
Entstehung
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51.

DER TOTE GAST.

ES WAR EINMAL EIN TRUNKENBOLD, DER WOHNTEneben einem Friedhof, und über diefen führte ihn allabendlich feinWeg, wann er betrunken heimging. Eines Nadits nun fah er dort einen Schädelliegen, und da fagte er gerührt: »Was liegft du denn da, armer Schädel? kommmit mir nach Haufe, ich will dir von meinem Eflen geben.« Und der Schädelantwortete: »Geh voraus, ich komme dir nach.« Ob diefer Rede wurde erverftört und vor Furcht nüchtern. Und er ging heim und fetzte fich zitterndam Herde nieder und befahl das Tor zu verfchließen, und als er dann bei Tifchefaß, befahl er bei Strafe von Leib und Leben, niemand einzuladen, wer immeres fei. Und fiehe, da pochte es auch fchon fchrecklich an der Tür, und jemand fragtenach dem Herrn und fagte, der habe ihn eingeladen. Alle fchwiegen vor Schrecken,und nur einer fagte, der Herr fei nicht daheim/ aber der Pochende fagte: »Sagtnur dem Herrn, der wahrhaftig daheim ift, er foll öffnen laflen,- fonft dringeich mit Gewalt ein.« Dies gehört, hieß der Herr öffnen und befahl fich derBarmherzigkeit Gottes.

Und herein kam eine jämmerliche Leichengeftalt, an deren Gerippe nurSehnen und Haut famt dem Schädel faßen, und das Fleifch war verweit, undfchreddich war der Anblick. Und nachdem fich der feltfame Galt die Händegewafchen hatte, fetzte er fich unaufgefordert zwifchen dem Hausherrn undder Hausfrau zu Tifche,- er nichts, noch trank er etwas, und fein entfetzlicherAnblich war allen zur Qual. Dann ftand er auf, beurlaubte fich bei dem Haus-herrn und fagte: »Des Mahles, zu dem du mich geladen halt, habe ich nichtbedurft. Hätteft du meiner nicht mit dummer, trunkener Rede gefpottet, fo hätteich dich nicht durch mein Kommen erfchreckt. Aber nun leb wohl, und heuteüber acht Tage zu derfelbigen Stunde mußt du zu mir zum Speifen kommen, unddu mußt dich, ob du willft oder nicht, an dem Orte einfinden, wo du mich heuteeingeladen halt.« Dies gefagt, verfchwand er.

Der Hausherr, der über diefe Rede ebenfo verftört war wie feine An-gehörigen, fragte kluge Leute nach einem Auskunftsmittel, aber ihm ward keinRat fonft, als daß er, nachdem er fein Haus beftellt und Reue und Leid erwecktund gebeichtet und die heilige Kommunion empfangen haben werde, zu der an-

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