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Märchen des Mittelalters
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48.DIE ERMORDUNG DER GREISE.

ZU DER ZEIT, WO DAS RÖMISCHE REICH, ANNOCHklein, unter den erften Königen ftand, ftarb einmal ein König und hinter-ließ das Reich feinem noch jungen Sohne, und wie es des öftern bei einemThronwechfel gefchieht, entftand auch bei diefem HerrfchaftsantrittUnordnungund Empörung im Lande, und die Stadt felber wurde von Feinden belagert.Und die Belagerung zog fich Monate lang hin, fo daß die Bürger argen Hungerzu leiden begannen, und während tagtäglich vor den Toren gekämpft wurde,innen aber Furcht und Hunger mehr und mehr zunahmen 1 ), erließ der jungeKönig auf den Rat feiner Fürften, die ihm gleich waren an Alter und Weisheit,eine Verordnung in der Stadt, es follten alle Greife und Greifinnen getötetwerden, mit der Begründung, wer weder die Stadt mit Waffen zu fchützen nochmit feiner Hände Arbeit für ihre Ernährung forgen könne, dabei aber täglichebenfo viel effe wie der Weidlichfte, fei unwert zu leben/ und weiter verfügteder König, daß wer etwa feine Eltern dem allgemeinen Morden entziehe, mitihnen dem Todesurteil unterliegen folle. So erlchlugen denn die Söhne allefamterbarmungslos ihre Eltern, und kein Vater hatte, fchrecklich fchon, es zu fagen,einen grimmigem Feind als den Sohn/ und fo weit ging diefe Graufamkeit, daßin der ganzen Stadt kein alter Mann verfchont blieb außer einem weifen Greife,den der Sohn mit alleiniger Mitwiffenfchaft feiner Frau, die das Geheimnis zuwahren gefchworen hatte, in eine unterirdifche Höhle gerettet hatte. Undnachdem dergeftalt alle, in denen die Weisheit wie Sonnenfchein leuchtete,getötet waren, dauerte es nicht lange, so wurde Friede gefchlofTen und dieBelagerung der Stadt aufgehoben.

Jener junge König aber, der keinen Weifen, keinen gefetzes» oder rechts-kundigen Mann zum Rate hatte, fondern nur AltersgenofTen, die ihn zu jederUnbill und zu jedem Frevel anftifteten, begann alles zu verderben, Willküranftatt des Rechtes zu fetzen, gegen die Untertanen Gewaltherrfchaft zu übenund Männern feinesgleichen nachzuftellen, und er meinte, ihm fei alles erlaubt,was ihm gefalle: die ehrwürdigen Gefetze kamen aus dem Gebrauche, und nichtmehr wurde nach ihnen gerichtet, fondern immer öfter gewann der Ungerechte

>> 2 Korintß. 7, 5-

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