Druckschrift 
Märchen des Mittelalters
Entstehung
Seite
78
Einzelbild herunterladen
 

würden mit ihren Künften zur Stelle fein, und wenn es die Not erheifdite, fowürden fie tun, was gefchehen müßte. Der Herr vom Turm war mit allemzufrieden und ließ es fich verfprechen.

In Paris angelangt, fliegen fie in einer Herberge ab/ der Herr vom Turmkleidete fie allefamt und ließ fie einige Tage der Ruhe pflegen, und dann ginger an den Hof zu [König Philipp und fagte ihm, er fei gekommen, um feinEidam zu werden, und er wolle fidi dem geltenden Brauche unterwerfen. DerKönig fagte, ihm fei es redit, und er ,fetzte einen Tag feit/ dann ließ er denHerrn vom Turm in Gewahrfam nehmen, um ihm, wenn der verliere, den ergeftellt hatte, damit er mit Drufiana laufe, den Kopf abfchlagen zu (äffen.

Der beftimmte Tag, ein Sonntag, war da, die Zufchauer hatten fidi ein«geftellt, und Rundum trat vor den König und .fragte, wo die Bahn fei. Undder König fagte: »Ihr werdet jedes mit einer Lederflafche nach St. Denis laufen,und wer früher die Flafche volIWaflers aus dem Quell von St. Denis zurück«bringt, foll Sieger fein, und wer hintenbleibt, wird verloren haben.« Dies gehört,fagte Rundum: »Gib alfo das Zeichen !« Der Feger aber hatte fich mit Horchaufund Gradaus an der Straße aufgeteilt, und fie warteten auch auf das Zeichen.Und kaum war das Zeichen gegeben und hatte das Fräulein zu laufen begonnen,fo war auch fchon Rundum, der ja jegliches Wefen an Schnelligkeit übertraf,in St. Denis, füllte die Flafche mit dem Waffer des Quells und lief zurück/ undauf dem halben Wege traf er Drufiana. Und fie hielt ihn auf und fagte: »Nunfehe ich, Jüngling, daß du gewonnen halt, und wahrhaftig, ich fage dir, gut haltdu deinem und meinem Herrn gedient! Und darum könnten wir unbeforgtein wenig raften.« Durch diefe fußen Worte bewogen, fetzte fich Rundum mitDrufiana, und die begann gar füß zu fingen und fang ihn richtig in den Schlaf.Und als fie fah, daß er fchlief, zog fie ihm unter dem Kopf die Flafche mitdem Waffer weg und tat die leere an ihre Stelle, und damit trat fie den Rück«weg nach Paris an. Der Feger aber fagte, da er Drufiana kommen fah: »Esfteht fchlimm.« Und^er trat ihr entgegen und blies fie zurück, und als fie wiedernäher kam, trieb er fie zehnmal fo weit rückwärts, und (o hielt er fie einigeZeit auf. Als aber Rundum noch immer nicht kommen wollte, fagte er: »Wahr«haftig, er ift tot.« Da fagte Horchauf: »Sofort werde ich wiffen, was es mit ihmift«/ und er legte das Ohr an die Erde und fagte: »Er fchläft.« Und Gradausfagte: »Wieweit kann es fein, wo er fchläft? Und an welcher Straßenfeite hat erfich niedergelegt?« Horchauf fagte: »Drei Meilen und an der rechten Seite.«Und Gradaus fpannte die Armbruft und legte einen Bolzen auf/ und er durch«fchoß die Flafche unter Rundums Kopf. Der ward munter, und als er die leereFlafche fah, dachte er: »Ich bin betrogen worden.« In der Hoffnung aber, der

78