23.DAS PAAR AUF DEM BIRNBAUM.
WAR DA EINMAL EIN REICHER MANN, DER HATTEeine gar fchöneFrau zur Gattin, und die liebte er über die Maßen undwar arg eiferfüchtig. Nun wollte es Gott, daß diefer Mann ein Übel an denAugen bekam, und davon wurde er blind, und er hatte keinen Schein des Lichtes,-und nun trennte er fidi nicht mehr von feiner Gattin und ließ fie keinen Schrittvon ihm gehen aus Angft, fie könnte einen Fehltritt begehen.
Und es gefdiah, daß fich ein Mann aus der Gegend in diefe Frau verliebte,und er fah, da der Gatte allwege bei ihr war, keine Möglichkeit, mit ihr zureden, und fo gab er ihr durch Zeichen kund, daß er fterblich in fie verliebt fei,-und die Frau, die feine Leidenfchaft fah, bekam Mitleid mit ihm und fagte ihmdurch Zeichen: »Du fiehft, was ich tun kann,- er geht mir ja nichtvon der Seite.«Und der Liebhaber wußte nicht was tun oder was fagen, und da er keinenWeg zu finden vermochte, fich mit ihr zu verftändigen, fo ließ er fie durchZeichen wiffen, daß fein Leben dahinfchwinden wolle,- und als die Frau fah,wie es um ihn ftand, fo dauerte er fie, und fie gedachte ihm feinen Willen zutun. Sie verlchaffte fich ein langes Rohr, und das eine Ende legte fie ihm andas Ohr und redete dergeftalt mit ihm, fo leife, daß es ihr Gatte nicht hörenkonnte, und fagte zu ihm: »Du dauerft mich, und darum gedenke ich dir zuWillen zu fein: komm in unfern Garten und fteig auf den Birnbaum mit denvielen fchönen Birnen und erwarte mich oben,- ich werde zu dir hinaufkommen.«Und auf der Stelle ging der Edelmann in den Garten und ftieg auf den Birn=bäum und begann auf die Frau zu warten.
Und die Zeit kam, wo die Frau in dem Garten war und den guten Manntreffen wollte, und ihr Gatte war immer bei ihr,- und fie fagte: »Mir ift großeLuft nach den Birnen von jenem Baume dort gekommen, die fo Rhön-find.«Und ihr Gatte fagte: »Rufe jemand, auf daß er dir welche pflücke.« Sagte fie:»Ich will mir fie felber pflücken,- fonft würden fie mir nicht fchmecken.« Und fieftand auf, um zu dem Baume zu gehen, und ihr Gatte ftand auch auf und gingmit ihr,- und fie ftieg auf den Baum, und er fchlang feine Arme um den Stamm,auf daß niemand ihr nachfteigen könne.
Und als die Frau bei ihrem Liebhaber auf dem Birnbaum war und fie
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