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Märchen des Mittelalters
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14-DIE WETTE UM DIE AUGEN.

ES WAR EINMAL EIN REICHER, ABER UNGERECHTERMann, und der hatte einen Knecht, der war treu und gerecht. Und esgefchah einmal, daß der Knecht vor dem Herrn Tagte, die Gerechtigkeit habenoch in diefer Welt den Vorzug vor der Ungerechtigkeit, und der Herr fagte:»Das ift nicht wahr/ denn der Menfch gedeiht beffer durch die Ungerechtigkeitals durch die Gerechtigkeit.« Und als fie fo eine Weile geftritten hatten, kamenfie überein, daß der Knecht, wenn er feinen Satz bewähre, fo daß er obfiege,von dem Herrn zweihundert Gulden erhalten folle, daß aber der Herr, wenner das Gegenteil bewähre, dem Knechte beide Augen ausreißen dürfe.

Und fie gingen miteinander, um darüber ein Urteil zu erlangen. Zuerftkamen fie zu einem großen Kaufherrn, und fie befragten ihn,- der antwortete,die Ungerechtigkeit fei beffer/ »denn,« fagte er, »wenn ich alles recht kaufteund recht verkaufte,fo würde ich verarmen.«Da fagte der Herr zu dem Knechte:»Sieh, jetzt hätteft du die Augen verloren, aber noch fchone ich deiner,- wirwollen noch andere befragen.« Alfo gingen fie zu den Richtern, und derenBefcheid lautete ebenfo gegen die Gerechtigkeit, und dann gingen fie zu einemBifchof, und auch der gab feinen Spruch für die Ungerechtigkeit ab, und fchließlichgingen fie zu dem Könige, und der antwortete gleichermaßen. Und nun durch-bohrte der Herr dem Knecht beide Augen mit einem fpitzigen Meffer/ abernach Gottes Ratfchluß blieb die Sehkraft der Augäpfel unverfehrt.

Wie nun der arme Blinde ohne eine andere Stütze als einen Stock außer=halb der Stadt umherirrte, gelangte er zu einem Baume, und unter dem legteer fich gar traurig zur Ruhe. Um Mitternacht aber kam eine Schar von Teufeln,und fie faßen auf dem Baume auf und hielten Kapitel, und jeder erzählte, waser in der Welt Böfes getan hatte. Und einer fagte: »Ich habe es bewirkt, daßdie Ungerechtigkeit den Vorzug vor der Gerechtigkeit erhalten hat«, und ererzählte die ganze Gefdiichte von dem ungerechten Herrn und dem gerechtenKnecht. Und der Oberfte der Teufel reichte ihm eine Krone und ließ ihn anfeiner Seite auf dem Throne fitzen. Aber neidifch fagte ein anderer Teufel:»Wahrhaftig, um eines geringen Verdienftes willen wird diefer fo geehrt. Unterdiefem Baume, das weiß ich, wächlt ein Kräutlein, das würde, wenn es der

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