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Märchen des Mittelalters
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zu fiellen und ihn und den Jüngling gleich weit von ihr, und dann wolle erfehen, ob fein Zureden fo viel über fie vermögen werde, daß fie von ihrerUnziemlichkeit laffe/ wifTe ihr aber der Jüngling einen andern Rat zu lagen undwolle fie zu ihm, fo folle fie mit ihm ziehen dürfen.

Und die Weifen waren damit einverftanden, und fie taten es dem Weibeund dem Jüngling kund, und denen gefiel das fonderlidi, und die Bürger bildetenauf dem Plan einen Kreis, und der Alte und der Junge und das Weib wurdenhineingeführt und fo, wie der Alte geraten, geftellt. Und dem Alten wardVerlaub gegeben, mit feinem Weibe zu reden und fie zu mahnen, wie er wolle.Und er fagte ihr, fie möge bedenken, daß noch nie ein Mann erfehen wordenfei, der folches wie er für fein Weib getan habe: wie er ihren toten Leibgegen den Willen der Seinigen aufbehalten habe und wie er mit ihm indie Fremde gezogen fei und ihn weder Tag noch Nacht von fich gelaffenhabe,- und fie möge bedenken, daß er feine jungen Jahre hingegeben habe,um fie aus der Todespein zu löfen, und er fchloß: »Komm wieder in meinHaus, wo ich dir Zucht und Ehre bieten will, und kehre dich ab von folchemWandel!«

Die Frau aber fah nur den jungen Gefeilen an und fagte: »Ich weiß nicht,was er redet, und kenne ihn nicht. Wer hat mir den Schelm aufgeladen? Ichfinde mein Genüge an dem Jungen.« Und damit wollte fie auch fchon zu diefemlaufen, aber man hieß fie warten, bis auch er geredet haben werde,- und derJüngling fagte: »Frau, zu Recht gehört Ihr mir zu, und all mein Gut will ichmit Euch teilen,- mit mir fahret Ihr wohl befTer als mit dem Greife. Soll Euerftolzer Leib eines alten Mannes fein? Kommt her zu mir, da habt Ihr gutenFug.« Und fie fagte: »Ja, das tu ich gern.«

Da fagte der Alte: »Höre noch mein letztes Wort. Noch einmal mahneich dich an all die Treue und Liebe, die ich dir nach Kräften getan/ willft duaber dennoch von mir weg und zu einem gehen, den du geftern noch nichtkannteft, fo gefdiieht dir fchweres Leid, und des mag alles Volk, das hier lieht,Zeuge fein. Ich fage es dir vorher: in dem Augenblick, wo du dich von mirkehrft, bift du tot, und dein toter Leib leidet dann viel mehr denn ehedem/ ichwerde wieder jung und fchön werden, und du wirft ein fauliges Madenaasfein. Willft du des Leidens ledig fein, io komm zu mir, und dann lebft dunoch, wie der Engel gefagt hat, zwanzig Jahre. Nun wähle, ob Lieb oder Leid,und tu, wozu didi dein Wille treibt,« Und zur Stunde lief fie zu dem Jünglinghin und fiel ihm um den Hals, und fchon war fie ein faulender Leichnam. IhreFrifche war Verwefung, ihre Schönheit war Geftank,- ihr freveliger Sinn gabihr den Lohn.

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