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Märchen des Mittelalters
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1.

DIE FRAU IM SCHREIN.

IN NEAPEL WAR ZU DER ZEIT DES ALTEN KÖNIGS,nämlich des Königs Manfred, ein Ritter, Aftulf mit Namen, der hatte einewunderfchöne, wohledle Gemahlin, Madonna Lagrinta genannt/ und ihr wardalle Luft, die ein Gatte feiner Frau gewähren kann, und beide glaubten in einemzweiten Paradiefe zu leben, und das dauerte eine lange Zeit. Dann aber gefchahes, daß fich Madonna Lagrinta zu often Malen mit andern Damen und miteinigen Baronen bei Gartenfeften vergnügte, und da entbrannte fie in heftigfterLiebe zu einem Edelknappen, Nieri mit Namen, einem gar mindern Menfchenim Vergleiche zu ihrem Gatten, und nach vielen Tänzen und Liedern faßte fieMut, mit ihm zu reden und ihm von der Liebe zu fprechen, die fie zu ihm gefaßthatte, und Nieri willigte in alles, was fie von ihm heifchte/und fie trafen Abrede,wie fie zusammenkommen wollten, und hatten ihre Luft aneinander, und darangewannen fie beide große Befriedigung. Das konnte aber nicht fo heimlich her-gehen, daß es nicht fchließlich ans Licht gekommen wäre. Eines Tages verließHerr Altulf aus irgendeinem Grunde den Hof früher als fonft und begab fichnach Haufe, und die Frau hatte, da fie fich feiner früheren Rückkehr nicht verfah,die Türen offen gefallen/ und fie und Nieri trieben im Bette ihr füßes Spiel, alsHerr Aftulf ins Gemach trat, und über das, was er fah, war er fo entfetzt, daßer vor Schmerz fchier in Ohnmacht fiel. Nieri fprangaus dem Bette und lief, waser konnte, und Herr Aftulf fagte als weifer Mann: »Frau, du halt, indem dumich gefchändet, allzu arg gefehlt, und dein Fehler würde, wenn du flöheft,nur noch größer/ mit dem, was du mir angetan halt, werde ich mich nie abfindenkönnen, und darum will ich nichts mehr mit dir zu fchaffen haben, bis ich ver-nehme, daß du deinen Fehler völlig gefühnt halt.« Und tief betrübt verließ erfein Haus und kehrte an den Hof zurück in der Abficht, zu verreisen und nimmerzu seiner Frau zurückzukehren.

König Manfred, dem fein Kummer auffiel, fragte ihn oft und oft um denGrund, und einmal fagte er ihm dies, ein andermal das, aber von der Verfehlungfeiner Fraufagteer ihm nichts/und fo vergingen etlicheMonate. Und eines Tagesftand er trübsinnig an einem Fenfter feines Gemachs in dem königlichen Schlöffeund bedachte, was ihm feine Gattin angetan habe und ob er sie nicht tötenl*

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