gearbeitet und gefunden, und der Hauptinhalt der Volkskunde, die ,Märchen»forfchung', wird nicht mehr aus der Literaturgefchichte verfchwinden.«
Den Satz Hoifmann=Krayers »Das Volk produziert nicht, es reproduziert«,hat Hans Naumann {Primitive Gemeinfcßaftsßuftur, 4f.) für das fogenannteVolkslied, das zumeift von einem Kunftlied vergangener Zeiten abftammt, alsrichtig erwiefen, und er hat als biogenetifches Gefetz feltgeltellt, daß die Volks»poefie die Stadien der vorangegangenen Kunftpoefie in ihrer Art rekapituliert.Und fo wie Naumann ausdrücklich anmerkt, daß dies für die primitive Ge»meinfehaftspoefie nicht gelten könne, fo kann auch von den Volksmärchen gefagtwerden, daß fie, mit Ausfcbluß des auf primitiver Gemeinfdiaftskonftruktionberuhenden Mythengeftammels, an die von einer ehemaligen Oberfchidit ge-fchaffenen Kunfterzählungen anknüpfen. Damit dies gefchehen, damit der neueErzähler die Anknüpfungspunkte finden könne, ift es freilich notwendig, daßdie Grundlagen der Kunfterzählung urfprünglich find, daß der Nachfahre aufAnfchauungen flößt, denen er felbft noch huldigt oder für die er zumindeft nochVerftändnis hat. Solange das zutrifft, ilt das Märchen, wiewohl es das Erzeugniseines einzelnen ilt, volkstümlich in dem vollen Verftande des Wortes,-hört dasnach und nach auf, dann muß das mündlidi weitergegebene Märchen vonGeneration zu Generation an LIrfprünglichkeit verlieren, wenn nicht die Er=zähler immer wieder zu der literarifchen Form zurückkehren, die ja für jedenNachkommen fdion ob ihres Alters etwas Ehrwürdiges hat.
Andererfeits freilidi kann auch die Möglichkeit einer lang andauerndenmündlichen Überlieferung nicht fchlechthin geleugnet werden, und es gibt Fälle,wo literarifche Mittelglieder zwifchen der Gegenwartsform eines Märchens undfeinem literarifdien Urfprung, wenn fie vorhanden wären, längft hätten gefundenwerden muffen, zumal da auch bei der Auffindung einer oder zweier foldierFormen manchmal noch immer recht erhebliche örtliche und zeitliche Zwifchen»räume zu überbrücken wären. Ein prächtiges Beilpiel bietet die in dem Exkurszu unferm dritten Märchen erwähnte zweite FafTung aus Casteltermini inSizilien,die ohne Rückficht aufdieWanderungen der literarifchen Abwandlungenunmittelbar an das alte indifche Märlein anzuknüpfen fcheint. Vielleicht nochfeltfamer ift aber folgende Tatfachenfeftfrellung: In der Vita Merlini prophezeitder keltifche Weife einem Knaben, er werde durch einen Sturz von einemFeifen fterben. Als man ihm den Knaben in andern Kleidern und mit abge»fchnittenem Haar vorführt, weisfagt er ihm den Tod durch einen Baum. Beimdritten Mal erfcheint der Knabe in weiblicher Tracht, und Merlin verkündet:»Diefes Mägdlein wird in einem FlufTe fterben.« Der Tod erfolgt, indem der zumManne Herangereifte bei einem Abfturze von einem Felfen in einen Fluß mit
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