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Märchen des Mittelalters
Entstehung
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befchränktes Maß von Erkenntniflen, alfo von Kultur voraus. Primitivität undKultur haben eben nur relative, aber nicht abfolute Bedeutungen: wir (teilenprimitive Anfdiauungen auch in der Gegenwart bei Völkern feit, die zweifel-los das Recht haben, fich Kulturnationen zu nennen,- ja es gibt keine Kultur-nation, die fich von primitiven Anfdiauungen vollkommen frei gemacht hätte.Alles fließt, und es geht nicht an, diefen Strom in feinem Unterlaufe als wefens-verfchieden von dem Quellfluffe zu betraditen, obwohl man ihnen verfdiiedeneNamen geben kann. Die Scheidung, die durch die Benennungen »Primitivität«und »Kultur« ausgedrückt wird, ift nur imaginär,- eine Grenze befteht nicht, fiewird nur vorgetäufcht, und ebenfo verhält es fich zwifdien dem Gemeinlchafts-leben der Primitiven und dem modernen. Das Verhältnis der zwei Gefchlechterzueinander kann auf der am weiteften zurückliegenden Kulturftufe, die wiruns vorzuftellen fähig find, nicht anders gewefen fein als zwifchen Männchenund Weibchen, und aus diefem hat fich die moderne Ehe entwickelt,- an derHand der Anthropologie find die Zwifchenftadien aufzuzeigen, von deneneinzelne noch heute bei gemeiniglich primitiv genannten Stämmen, andere aberauch, nicht nur rudimentär oder als Überbleibfel, bei manchen Kulturvölkernanzutreffen find. Ähnlich fteht es mit dem Verhältnis zwifchen Herrn und Knecht,das über die verfchiedenen Formen der Leibeigenfchaft, der Hörigkeit, desZunftwefens in den Gewerkfchaftsvertrag ausläuft. Nun befchäftigt fich glück-iicherweife das Märchen nicht mit den zeitlich erften, den primitivften Formendes Gemeinfchaftslebens, fondern bewegt fich in einem Gefellfchaftszuftande,der entwicklungsgefchiditlich zu erfalfen ift. Wie jede Erzählung braucht dasMärchen Handelnde und Leidende, unddiefe werden natürlich aus der Gegen-wart oder aus einer in der Überlieferung noch lebendigen Vergangenheitgenommen: in beiden Fällen ift das Verhältnis zwifchen Mann und Frau,Herrn und Knecht, Eltern und Kindern, des Einzelnen zu feinem Stamme oderfeinem Volke etwas durch den Zuftand des Gemeinfchaftslebens Gegebenes.Diefe Verhältnilfe differenzieren fich natürlich in mancherlei Weife, und er-zählenswert werden befondere Tatfachen, die Anläflen entfpringen wie etwadiefen: Keufchheit oder Unkeufchheit der Gattin, Kindesausfetzung oder »ver«ftoßung, Kindesunterfchiebung, Ungehorfam des Sohnes, Mutterliebe, Stief-mutterhaß, Freierwettkampf, Entführung, abenteuerliche Reifen, Treue undUntreue von Gefährten oder Dienern, Erniedrigung und Verarmung, Ge^winnung von Reichtum und Macht.

Diefe und ähnliche Tatfachen ergeben nun zahlreiche Erzählungsmotive,-zum Beifpiel: Frauenrache für verfchmähte Liebe, Stellvertretung der Brautin der Hochzeitsnacht, Heimkehr des Gatten nach langer Abwefenheit <juft an

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