I. DAS HEILIGE REICH.
Zweimal schufen die Deutschen den Rhein: aus dem Däm-mer der Vorzeit, da ihn Homer und die Griechen nichtahnten, riß unser Kampf mit den Römern ihn zum erstenMale ans Licht, in einem Augenblick, wo die Welt der Götterzu sinken begann und das Reich des Christus seine frühestenHebenden Strahlen warf. Heute, da die tröstliche Flammelangsam erlischt, schafft der Dichter den Rhein zum zweitenMale und ballt die jahrhundertelang gesammelten Kräftedes Geistes zu neuer Gestalt. Inmitten dieser Wendepunktezweier Jahrtausende liegt die größte staatliche Schöpfungder Deutschen: das Heilige Reich, das vom Rhein seinenUrsprung nahm, in ihm seine nährende Mitte hatte, an ihmseinen Untergang fand — wo bleibt da Raum für den „gal-lischen" Rhein? Die Vergangenheit kannte ihn nicht, unddie Zukunft wird ihn noch weniger kennen. Der Rhein isteine deutsche Einheit: sein ganzes Stromgebiet von der Quellebis zur Mündung eine einzige landschaftliche Einheit, denn dieWasser selber wirken das gleiche Silber band für die wechseln-den Ufer, von der Quelle bis zur Mündung eine einzige blut-hafte Einheit, denn Mann und Weib und Kind sprechen dengleichen Urlaut aus unbezweifelbarer Wurzel, von der Quellebis zur Mündung eine einzige geistige Einheit, denn Name undSitte, Werk und Bau tragen unverkennbar die gleiche Prä-gung von rheinischer Helle und Herbe, von rheinischer Süßeund Kraft. Von je ist diese Einheit das Sinnbild unsrerStärke und Größe gewesen: je dichter sie war, um so weiterder Umkreis unserer äußeren Macht, je sichrer sie war, umso voller und schöner unser Wirken in eigenen Grenzen.Unsre Schwäche begann, wenn die Kinder des Rheines unter-einander oder mit ihren Brüdern im Reiche in Fehde lagen,
IOI