Aber diese Sprödigkeit des deutschen Stoffes hielt seinenGenius nicht ab, das zu Tuende mit ganzer Kraft zu tun; erwartete nicht auf „das Wunder über Nacht", das die Deutschenplötzlich zu einer dichterischen, sittlichen und religiösenVereinigung zusammenführen könnte, sondern diente nachseinen Worten dem Vaterlande wie es Gott ihm gegeben,und gönnte sich in den Dingen, die die Natur ihm zum Tag-werk bestimmt, Tag und Nacht keine Ruhe noch Erholung.Und sobald er die ihm bestimmte Aufgabe im geistigen Be-reich völlig erkannt hatte, strebte er auf jede Weise zur Samm-lung seiner Kräfte, lehnte er jedes Handeln außerhalb diesesBereiches als Pfuscherei und philisterhafte Unsachlichkeit ab.Dort, wo er nicht ganz sein, nicht durch eigenes Tun und Wir-ken Macht erwerben konnte, wollte er lieber gar nicht sein.Denn die Kleinen können sich wohl erlauben zu pfuschen undauf der Bierbank und in Artikeln zu reden, aber den schöp-ferischen Menschen verhindert eine tiefe Scham, sich dortauch nur zu versuchen, wo er nichts oder nur Unzulänglicheswirken kann.
So schloß Goethe alles was seine Zwecke mit Gewalt oderZwang — und darauf beruht letzten Endes und besondersdamals alles Staatliche und Kriegerische — erreichen muß,aus seinem tätigen Handeln aus und wandte in seinem Wir-kungskreise „die strenge beharrliche Folge" an, die fortgesetztEinfluß übt und deren „stille Macht im Laufe der Zeit unauf-haltsam wächst". Er dichtete, wo er liebte, er sprach aus,was er lebte, und schaffte nur das, was ihm wirklich auf denNägeln brannte, nur dort, wo er der Kraft seines Geistesund des Anteils seines Herzens gewiß war, nämlich auf demgroßen Kampfplatz von „Kultur und Barbarei". Er erkanntewohl an, daß für die Völker seiner Zeit nach dem Worte Napo-leons: die Politik das Schicksal sei; er ehrte die deutschenFeldherrn und Staatsmänner wie Blücher und Stein — „einStern, den ich in meinem Leben nicht möchte hinabgehensehen" — die ihre ganzen Kräfte der Befreiung des Landes wid-
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