MÄNNER UND FRAUEN! Wir stehen heute unter einemdreifachen Zeichen der Not unseres Daseins: der ersten,des sichtbaren Zerfalls aller früheren Gemeinschaftswerte imreligiösen und gesellschaftlichen Bereich, einer Not, die sich inden inneren Kämpfen der Gesellschaft auswirkt — der zweiten,der beginnenden drohenden Umwälzung aller bestehenden staat-lichen und kolonialen Machtbereiche auf der Erde, die sich inäußeren Kämpfen von nieerahntem Umfang und nieerahntemSchrecken, wie ihr erstes Vorspiel im Weltkrieg zeigte, auswir-ken wird — der dritten, der Not unseres Vaterlandes, die injenen beiden ihre Verursachung hat, aber durch unser jüngstesSchicksal, unsere Niederlage im Weltkriege und unsere Verfeh-mung unter den Völkern der Erde ihr besonderes Zeichen derunmittelbaren Härte, ja wie die Gegner möchten, der dauerndenSchmach erhalten hat, einer Not, die sich auswirkt in denengsten Grenzen, die jemals ein deutsches Reichsgebilde seitKarl dem Großen gehabt hat, in den drückendsten Lastenzugunsten unbarmherziger Feinde, in der beklemmendenGefahr einer steten Niederhaltung, ja weit schlimmer, einergewollten Erniedrigung unseres Volkes, einer absichtlichenEntwürdigung seiner Seele selbst.
Diese Formen des Friedens, welche in solcher Ruchlosigkeitzum ersten Male in der menschlichen Geschichte auftauchen,geben uns ein Merkmal, wie weit das längst begonnene „Ge-meinwerden der Herzen" unter den lebenden Geschlechternder Erde fortgeschritten ist, geben uns ein Merkmal, welchePrüfungen uns oder den Kommenden noch aufgespart sind,wenn jene erstgenannten Nöte wachsen und neue Erschüt-terungen entladen werden. Es werden harte, unerbittlichePrüfungen sein, welche die unaufhaltsamen Geschicke brin-gen und für die Geschlechter, welche vielleicht nach Jahr-
3 Wolters, Reden. ,~