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Melchior Lechter
Entstehung
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verborgener Geheimnisse beladet. Die Ursache aber dieser gebundenen Gegensätzeliegt in der Einigung des Formal-Ruhigen mit dem Formal-Bewegten, das heisst:wie die lineare Umgrenzung das Prinzip des ersten ist, so ist das Prinzip deszweiten: die Farbe. Sie ist die Kraft, sie ist der Reichtum, sie ist das Geheimnis!Sie, die Schweifende, sie, das Ungebärdige, sie, das Immerzerfliessende, ist gebändigtin derschönen Ruhe"! Nun begreifen wir mit einem Male den Herd ihrer Glut: sieist der notwendige Ausstrom alles Leidenschaftlichen, sie ist der Flügel des Sehnens,der Schrei der Qual, der jubelnde Laut der Freude! In ihr sind die sieben Münder desLichts, die nun erst im unverbrüchlichen Gesetz gebunden alle Melodien verlauten, alleTöne von der zartesten Gebundenheit bis zum zuckenden Fortissimo verschwendendürfen. Welche Freude wäre es, diese geistig-sinnlichen Einklänge bis ins einzelne etwaauf derWeihe am mystischen Quell" verfolgen zu können: wie die bleichen und dieglühenden Blumen, der brennende Himmel und See, die Gewänder, Mäntel, Brunnen,Tempel, deren jedes nach den Werten, die wir schon beim zeichnerischen Werke unter-schieden, mit farbigen und ornamentalen Kostbarkeiten von blasser Schlichtheit bis zugoldner Pracht bedacht ist, auch die Fabel, der Inhalt und das Blut des Geschehenssind, das aus den lieblichen, den ernsten, den tiefen und den erhabenen Mienen der Ge-stalten spricht. Wir fühlen vor solchen Werken die Lösung des Rätsels, das als Auf-gabe immer Rätsel bleibt, wie ein Menschenwerk ein Gleichnis des Weltganzen seinkann: nicht als symbolischer Inhalt, sondern als ruhende Harmonie lebendigerKräfte. Wir erkannten dies im ersten Teile als notwendige Forderung für ein Kunst-werk und sehen nun, wie die Werke Melchior Lechters als Zeugnisse einer solchenhohen künstlerischen Lebensentfaltung erscheinen; andre von den Tafelbildern, wieD-Moll-Quartett: Adagio von Schubert" (1889),Adagio Mysterioso" (1892),E-Moll-Präludium von Chopin" (1893),Der Garten der Ehe" (1896),Wald der Tusferi"(1905) sind auf demselben Grunde, aber gleichsam aus der Ergriffenheit durch Werkeanderer Künste, vor allem der Musik und der Dichtung entstanden; wieder andre sindmeist aus Gründen der Einordnung in ein vorhandenes Ganzes, wie das herrlichePanisAngelorum" (vergL Abb. vor S.l) aus einer tiefen Erfassung der christlichen Symbolikhervorgegangen; aber indem sie mit der dinglichen zugleich wieder die farbige Sym-bolik erschliessen, erweitern sie in der letzten Allgemeingültigkeit der geistig-sinnlichenBedeutung der Farben das Christliche zu einer kosmischen Mystik, die dem schauen-den Auge zugleich das Einfachst-Klare und das Tiefst-Verschleierte ist. In den schonerwähnten sieben Entwürfen endlich scheinen mir alle diese Werkgründe in den höch-sten malerischen Werten vereinigt zu sein: der künstlerische und religiöse Mensch hathier seine letzte Einheit nicht in dem Sinne gefunden, dass die Kunst mystisch, sonderndass auch die Mystik, sein tiefstes religiöses Gefühl, Kunst geworden ist.

Wir sahen, dass die Möglichkeit, solche geistigen Erlebnisse im sinnenhaften Bildedarzustellen, nur im schwebenden Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung, nur in derlineargehaltenen Fesselung der farbigen Leidenschaft beruht: Die höchste Steigerungdieser Möglichkeit bietet die Glasmalerei und dieses ist der tiefere Grund, weshalbMelchior Lechter der Wiederentdecker dieser Kunst geworden ist. Er bedurfte, um den