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Melchior Lechter
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„GOETHEUND SEINEFREUNDE"1909

ieser oder jener Seite. Solche sorgfältigen Modellstudien dienenMelchior Lechter wiederum zum Entwerfen der grossen Kartonsin Kohle, und wenn auch ihre geistigen Werte schon unter derMarke des Inneren Gesichts erscheinen, ja alle Studienformenschon völlig umgewandelt und nur noch in ihrer Beziehung zumganzen Werke ihr Urteil finden, so müssen wir sie hier unterden Begriff eines Werkmittels fassen, das uns einen neuen Blickin die peinliche Sorgfalt, in den unermüdlichen Fleiss des Künst-lers gestattet, der in steigender Vertiefung der Arbeit zum end-lichen Ziele strebt. Man hat oft gerühmt, dass er mit einem Ernste, der an mittel-alterliches Künstlerschaffen gemahne, seine Werke vorbereite und ;hat nicht gefühlt,welch ein Bekenntnis eigener Zeit in solchen Worten liegt: dass man um Jahrhun-derte rückwärts nach einem Tun als Beispiel greifen muss, das jedem Künstlertumals selbstverständlich gelten soll. Darum erledigt sich hier auch der aus den selben Gedan-ken stammende Vorwurf, dass die Linie der Lechterschen Studiengestalten den Einflussder frühen Sienesen und Florentiner, Memlings, Stefan Lochners, dann weiter Feuerbachsund der Präraff aeliten verrate. Diese vielfältige Liste ist so guten Klanges, dass ein Jüngerdieser Meister zu sein eine Kraft erfordert, und da man ja immer zugesteht, dass MelchiorLechter keinem Historismus unterlegen ist, sondern das Erbe selbständig weitergebildethat, so folgt man mit jenem Vorwurf nur der schwächlichen Gewohnheit unserer Tage,die lebendige Aufnahme geistigen Gutes unter die Lupe kritischer Erinnerung zu neh-men, statt sich tiefer in das Geschaffene selbst zu versenken und dessen Eigenwerte zudurchdringen. Wie Leben nur vom zeugendem Leben kommt, so kommt Geist nur vomzeugenden Geiste: je stärker der Herd ist, um so kräftigere Stoffe verzehrt er undstrahlt sie als eigenes Licht wieder aus. Melchior Lechter hat die beste Kost jener hohenZeiten und hohen Künstler nicht aufgespeichert, sondern seiner Flamme als Kraft zuge-führt, und wenn wir die Natur in einem tiefen Sinne seine Nährmutter nennen können,so waren jene Meister seine geistigen Väter, deren Güter er sich in Arbeit errang. Eingütiges Schicksal stellte ihn freilich in ein glückliches Erbe, das so vielen schweifendenVersuchen des Jahrhundertendes mangelte: in eine lebendige Tradition der künstleri-schen Arbeit, sowohl was ihre Anwendung in der selbstverständlichen Durchdringungdes sakralen und profanen Lebens, als auch die Bedeutung ihrer handwerklichen Übungbetraf! Dieses letztere fesselt uns an diesem Punkte: Münster hatte damals und zumTeil noch heute eine gute Tradition der Werkmittel: seine Steinhauer, Bauleute, Gold-schmiede, Schlosser befanden sich noch in einem ununterbrochenen Zusammenhangemit den guten Zeiten des Handwerks und der Vater des Künstlers gehörte zu ihnen; inder Freskomalerei sah Melchior Lechter als Knabe jeden Sommer noch den alten Romanti-ker Settegast in der geliebten Aegidi-Kirche arbeiten, welche auch das schöne Altarbildvon Steinle schmückt; als er selbst nach dem letzten Schuljahre die Glasmalerei er-lernte, war es zwar kein grosser Meister, bei dem er begann, doch war es eine guteWerkstatt und keine „Fabrik", und wenn er sie verliess, mochten die alten Glasfensterder vertrauten Kirchen den Lernenden zu eigenen Träumen begeistern und den Ehr-