52 SclMiben einer alten Ehefrau
wollte ich dich noch auf einer Strickleiter vom Glocken-thurm herunter tragen, wenn ich dich nicht anders zu be-kommen wüßte; aber nun da ich dich einmal in meinenArmen fest habe, da alle Gefahren überwunden, undalle Hindernisse besiegt sind; nun findet meine Leidenschaftvon dieser Seite ihre vorige Befriedigung nicht. Wasmeiner Eigenliebe einmal geopfert ist, hört auf ein Opferzu seyn; die Erfindungs- Entdeckungs- und Eroberungs-sucht, die jedem Menschen angeboren ist, fordert eineneue Laufbahn. Ehe ich dich halte, brauchte ich alle Tu-genden zu Stuffen, um an dich zu reichen; nun aber daich dich habe, setze ich dich oben darauf, und du bist nunbis dahin die oberste Stusse, von welcher ich weiterschaue.
So wenig mir auch der Glockthurm, und daß ichdie Ehre haben sollte, der höchste Fußschemel meinesMannes zu ftyn, gefiel: so begrif ich doch endlich mit derZeit, und nachdem ich dem Laufe der menschlichen Hand-lungen weiter nachgedacht hatte, daß es nicht anders seynkönnte. Ich wandte auch meine Thätigkeit, di« vielleichtmit der Zeit auf der Rasenbank Langeweile gefunden ha-ben würde, auf die zu meinem Berufe gehörigen häuö-tichen Geschäfte, und wann wir dann beyde uns tapfergetummelt hatten, und uns am Abend einander erzäh-len konnten, waS er auf dem Felde und ich im Hauseoder im Garten gemacht hatte: so waren wir oft froherund vergnügter als alle liebevollen Seelen in der Welt.Und was das glücklichste dabep ist: so hat dieses Ver-gnügen uns auch nach unserm dreyßigjährigen Ehestandenicht verlassen. Wir sprechen noch eben so lebhaft vonunserm Hauswesen, als wir immer gethan haben, ichhabe meines Mannes Geschmack kennen gelernt, und er-zähle ihm sowohl aus politischen als gelehrten Zeitungen
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