Druckschrift 
2 (1778) Patriotische Phantasien
Entstehung
Seite
40
Einzelbild herunterladen
 

40

Die liebenswürdige Kokette,

Ich habe mir schon viele sonderbare Ergötzungen aufdem Lande gemacht. Wie ich vor vier Jahren meinenMann Heyrath eie, wählte ich mir an meinem Hochzeits-tage sechs arme Jungen und sechs arme Mädchen aus,lies sie auf eine ganz bcsondre Art kleiden, und ihren Un-terricht damit ansangen, daß sie hübsch englisch tanzen ler-nen mußten. Mein Einfall war damals den Kleidungenund Köpfen unsers Landvolks eine ganz neue Wendung zugeben; und jene zwölf arme Kinder zu einem solchen Mu-ster zu bilden, welches die Kinder der Reichen im Dorfeeinmal gewiß nachahmen sollten. Anfangs hielt manmich für eine Erznärrin. Nachdem man aber allmählichsah, wie gut ich diese armen Kinder in allen Arten länd-licher Arbeit unterrichten lies, und wie flink meine Mäd-gen in kurzen Röcken ans dem Felde und im Stalle wur-den : so fieng jeder an zu stutzen; und nun da ich auchmit geringen Leuten schwatze, mit ihnen klage, und ihnendann Korn und Flachs gebe, so bin ich ihr Engel; ich sehenichts als gerührte Leute; und was ist aller Schmuck derFelder, aller Gesang der Nachtigallen gegen das Vergnü-gen vergnügte Leute zu machen?

Ueberbringerin dieses ist eines von diesen meinen Kin-dern; so nenne ich sie noch immer. Lassen Sie dieselbeeinmal das Vieh melken, oder eine Butter zurecht machen.Eine fertigere, reinere und nettere Art zu arbeiten müssenSie in Ihrem Leben nicht gesehen haben. Etwas Koket-terie spielt zwar schon aus dem Fuße; das thun aber dieweißen Strümpfe, so die Mädchen sich selbst knütten,und die sie durchaus tragen müssen, weil ich den Glau-ben habe, daß ein hübscher weißer Strumpf alle-mal den größten Einfluß auf die moralische Bildungdes Menschen habe. Sie erinnern sich noch wohl des

witzige»