sy8 Schreiben einer Dame an ihren Capellan
XI.VI.
Schreiben einer Dame an ihren Capellan,
über den Gebrauch ihrer Zeit.
§V^)ein licbcr Herr Capellan! ich muß Ihnen einmal ei-nige Gcwissensfragen thun. Sie sagen mir immer,ich müßte von jeder Stunde meines Lebens am Ende Re,chcnschast geben; und die Stunde dieser Rechenschaft rückemit jedem Augenblicke näher. Nun wollte ich gern beymSchlüße dieses Jahrs, um nicht übereilt zu werden, einenkleinen Anfang mit der Rechnung machen. Ich finde aberdabcy einige Schwierigkeiten, worüber ich mir Ihre Er-läuterungen ausbitren muß.
Erstlich habe ich auf dem Lande gesehen, daß die LeuteLey der schwersten Arbeit nur 5 und höchstens 6 Stundenschlafen. Ich aber bin des Abends um n Uhr zu Bettegegangen und des Morgens um gte wieder ausgestanden,mithin vier Stunden länger im Bette geblieben. Sollte ichdiese auch berechnen müssen, oder werden sie so mit durch-laufen?
Zweiten?, habe ich in meinen jungen Jahren wohl einigeStunden am Caffee- und Nachttische zugebracht; jetzt aber,da ich eben keinen Trost mehr vor dem Spiegel finde, undmeine Dormcuse sehr geschwind aufsetze, bringe ich dieseZeit mit der größten Langeweile zu. Sollte ich dafür nichtbillig eine Schadloshaltung fordern können?
Drittens, habe ich oft Gott gedankt, daß ich dreyStunden am Tische verweilen könnte, weil mir sonst die Zeitbis zurAssemblee zu lang wurde Diese Wohlthat habe ichmit Dank genossen; und so wird man von mir doch nicht
vcr-