Maß und Gewicht. 697
ginal verloren gegangen ist, bis zu 5 pCt. variiren*), so hat man sich in der neueren Zeitbemüht, den Maßen eine unveränderliche Grundlage in der Natur zu geben, um imNothfall immer wieder darauf recurriren zu können.
Man ist hierbei nach zwei verschiedenen Methoden verfahren.
In Frankreich hat man die Länge eines Meridiangrades der Erde zuGrunde gelegt. Der Meter ist 1/10,000,000 vom Quadranten des Meridians; dieGewichtseinheit, die Gramme, ist das Gewicht von 1/100 Cubikmeter destillirten Was-sers. Auf diese Weise erhält man eine Grundlage, welche an und für sich unveränderlichist. Allein dennoch ist diese Methode nicht von praktischem Werthe, da eine Wiederho-lung der Messung eines Meridiangrades für den Fall des Verlustes des ersten darnachgebildeten Maßes ein höchst kostbares Unternehmen wäre und bei der Verschiedenheitder Instrumente, Methoden und Kenntnisse nicht mit Sicherheit zu einem gleichen Re-sultate führen würde.
Man hat daher in England die Länge des Secundenpendels in derHauptstadt ermittelt, d. h. man hat untersucht, wie lang ein Pendel sein muß, derunter einem gewissen Breite- und Höhegrad in einem luftleeren Raume 60 mal in derMinute schwingt, und zwar (was auch durchaus nicht nöthig ist) nicht die Länge diesesPendels dem Längenmaße als Einheit zu Grunde gelegt, sondern nur das Verhältnisdes vorhandenen Längenmaßes zu der Länge des Secundenpendels in der Hauptstadt be-stimmt, so daß sich das Urmaß nach der Länge des Secundenpendels mit Leichtigkeit durchBerechnung wiederherstellen ließe.
Auch in Frankreich hat man den praktischen Werth dieser Methode dadurch aner-kannt, daß man das Verhältniß des nach der Länge des Meridians bestimmten Maßeszu der Länge des Secundenpendels berechnet hat, um im Nothfalle das Urmaß Herstellenzu können, ohne zu einer wiederholten Messung des Meridians die Zuflucht nehmenHu müssen.
Ist man auf diese Weise in den Besitz eines auf fester Grundlage ruhenden Längen-! maßes gekommen, so läßt sich darnach auch das Flächen-,' und Körpermaß, namentlich
! auch das Hohlmaß und das Gewicht bilden; das letztere, indem man die Schwere einer
! nach dem Hohlmaß bemessenen Quantität von destillirtem Wasser bei einer gewissenTemperatur als Gewichtseinheit feststellt.
Bei der Eintheilung des Maß- und Gewichtssystems hat man sich vor Allem an dieBedürfnisse des Verkehrs zu halten, die kleineren und größeren Maße nach diesen Bedürf-nissen abzustufen, alle Abtheilungen aber, so weit es ohne Unbequemlichkeit für den Ver-kehr geschehen kann, in ein ineinander greifendes Zahlensystem zu bringen. Das Letztereist, jedoch ohne gehörige Beachtung der Gewohnheiten und Bedürfnisse des Volks, beidem metrischen Systeme in Frankreich mit vielem Scharfsinne geschehen.
Ob das Decimal- oder das Duodecimalsystem das zweckmäßigste sei, ist bestritten.
Das erstere bat den Vorzug, daß es größere Rechnungen sehr erleichtert; das Duo-decimalsystem dagegen gewährt den Vortheil, daß sich die Zahl 12 ohne Bruch häufigertheilen läßt als die Zahl 10, und daß man im täglichen Verkehre vorzieht, nach H, Z,^ zu rechnen, was bei dem Decimalsystem zu unbequemen Rechnungen Anlaß giebt. Soläßt sich z. B. die Elle, die Maas, das Pfund nicht ohne Unbequemlichkeit für den Ver-> kehr nach dem Decimalsystem abtheilen.
H Man muß daher, wenn man das letztere System zu Grunde legen will, die Abwei-
chungen zulassen, wo die Abtheilung nach Dritteln, Vierteln und Achteln bequemer ist.! So ist man z. B. bei der Einführung des neuen Maßsystems in Baden verfahren, indemman bei den höheren Abtheilungen dem Decimalsystem« gefolgt ist; eben so bei der Unter-
s *) So fand man bei einer Untersuchung der Maße und Gewichte in den nordamerika-
l nischen Freistaaten eine große Verschiedenheit in den Hohlmaßen, Gewichten und selbst inden Längenmaße». Die größte Abweichung der Uards betrug nicht weniger als V,035,989.! (Nebenius.in Rau's Archiv der politischen Oekon. 184V. 2. H. S. 243.)