Lykurg. 695
300 Jahre zu spät gekommen war); eine Menge anderer von ihm ausgegangener Gesetzeaber, die dem Geiste und den socialen Verhältnissen seiner Zeitgenossen wirklich entsprachen,behielten auch in der Folge unbedingte Geltung und dauerten theilweiss selbst viel längerfort als manche Solonische Einrichtungen, die ja schon nach einem halben Menschenaltergewaltig verändert wurden.
Ein eigenes Interesse gewährt ein vergleichender Hinblick auf die Verhältnisse derältesten Römer, die fast eben so sehr wie die Spartaner als Krieg er geboren und er-zogen waren, jedoch unter naturgemäßeren Verhältnissen, weswegen deren Erfolge sich auchungleich ausgebreitetec und dauernder als die der Bewohner Lakoniens darstellen.
Jenes Umstandes wegen — daß nehmlich der Spartaner und der Römer gleichmäßiggeborener Krieger war — darf man Beide keineswegs auf eine und dieselbe Linie setzen.Der Letztgenannte stand unendlich höher als der Erste. Ihm war es nicht, wie dem An-deren, als Princip die Hauptaufgabe des Lebens, im Kriege zu zerstören und Menschen ab-zuschlachten; seine Erziehung war nicht vorzugsweise dahin gerichtet, bestialisch zu würgenund an der alten Rohheit absolut festzuhalten, nichts Neues, Besseres im Leben aufkom-men zu lassen. Obwohl gleichfalls fern gehalten vom Betriebe der Gewerbe und des Han-dels, sah sich der Römer doch ausdrücklich auf den mit eigen er Ha n d, nicht ausschließ-lich durch Heloten zu führenden Ackerbau hingewiesen, und schon dadurch war dieStabilität der früheren Rohheit oder Barbarei gebrochen, der ersten Entwickelung der Culturein Weg geöffnet. Der Römer war als Krieger gegen den äußeren Feind so tapfer alsder Sohn der Lykurgischen Gesetzgebung; — aber im Jnne rn seines Vaterlandes wollteund sollte er ein von dem Ertrage seines selbstangebauten Feldstücks friedlich lebender Bür-ger sein; — der Spartaner dagegen erscheint in dieser Beziehung, zu Hause, in ganz an-derer Weise: er harrete immer nur auf neue Kämpfe, mittlerweile seine Tage im Müßig-gänge vergeudend, seine Sklaven peinigend; ec ist auch im eigenen Lande nur ein alle Ent-wickelung edlerer, wahrhaft menschlicher Fähigkeiten niedertretender Barbar.
Der Spartaner war unausgesetzt sein ganzes Leben lang Soldat. Der Römerwar es nur dann, wenn es einen Feind des Vaterlandes zu bekämpfen galt. Für ihn warseine Stadt die wirkliche und friedliche Heimath, für den Spartaner war sie nur die Ca-fe r ne. Darum fanden bei den Römern Aus h e bun ge n und diese nur in so weit Statt,als man ihrer zu bedürfen glaubte, während die Spartaner ihre Jahre der Manneskrafthindurch unausgesetzt Soldaten und nur dieses blieben.
Der Spartaner besaß größere persönliche Freiheit im Kriege als zu Hause, im Va-terlande. Anders der Römer. Er sah ein, daß die Kriegszucht bedeutende Beschränkun-gen der sonst naturgemäß dem Bürger und Menschen zustehenden Freiheiten erheische; aberer wollte diese Beschränkungen eben darum nicht auch auf die gewöhnlichen friedlichen Ver-hältnisse ausgedehnt wissen, die doch (wenigstens dem Principe nach) den weit überwiegendenTheil seines Lebens umfassen sollten. Das Recht des römischen Freistaats schützte denKörper des Bürgers gleich einem Heiligthume gegen Züchtigung (L>sx ?<>etis). Aberdie heiligsten Rechte der Freiheit, welche die Porcischen und Sempronischen Gesetze be-festigt , wurden durch den Eintritt in den Kriegsdienst suspendirt. In seinem Lager übteder Feldherr eine unumschränkte Gewalt über Leben und Tod aus; seine Gerichtsbarkeitwurde durch keine Förmlichkeiten der Untersuchung, durch keine Vorschriften der Procedureingeschränkt, und das Urtheil ward, unmittelbar nachdem es ergangen, auch vollzogen,ohne Zulassung irgend einer Appellation.
Wir wollen kein allzu hohes Gewicht darauf legen, daß, während ein römisches Heervor Allem durch Einfachheit, durch Entfernung des Unnöthigen sich auszeichnete, das spar-tanische einen zahllosen Troß von Sklavenmit sich schleppte, dermaßen, daß bei Platäaauf jeden Spartaner nicht weniger als sieben Heloten kamen (9000 Spartaner und35,000 Heloten!), die zwar allerdings wohl auch zu Kriegsdiensten, nicht minder aber zurBedienung ihrer Herren verwendet wurden. Allein ungleich wichtiger ist für uns der Um-stand, daß die Römer nicht nur ihre Waffen, sondern nicht minder auch ihre Culturüber alle Theile der damals bekannten Welt ausbreiteten. Noch heute zeugen die colossa-len Trümmer von Bauten, Heerstraßen, Wasserleitungen, Bolkstheatern u. dergl. von