ß. 65.
Der Gedanke und die Vorstellung des sicheren Todesund seiner Folgen gehört gleichfalls zu den Beförderungs-mitteln der Tugend. Das Leben auf dieser Erde darf wohl nurein Leben von heute auf morgen genannr werden. Der Todmacht demselben ein Ende, und mir ihm ist für den Menschenauch alles, was er auf Erde besessen hat, verloren. Es istalso in der Stunde des Todes wohl gleichgültig, ob der Menschüber Tausende geborhen, im Überflüsse gelebt, oder mit Elendund Mangel gekämpft habe. Da aber mit dem Tode nicht dasDaseyn des Menschen geschlossen ist, da jenseits des Grabes,wie uns die Religion lehrt, ein neues Lebe» beginnt, in wel-chem die Tugend belohnt, und das Laster bestraft, und zwischenWürde und Glückseligkeit die vollkommenste Übereinstimmungherrschen wird, so ist es für den Menschen von großer Wich-tigkeit, auf eine solche Weise zu leben, daß er nach dem Todeder Belohnung würdig befunden werde. Die Bedingungen die-ses Lohnes liegen in einem tugendhaften Lebenswandel, weilman voraussetzen muß, daß der gerechte Richter nur jenen derSeligkeit würdig erkenne, der das Sittengesetz als den Aus-spruch seines heiligen Willens erfüllt. Der Gedanke an denTod, so wie die Vorstellung, daß die Stunde desselben un-gewiß ist, wird dem Menschen nicht nur die irdischen Gütermit Gleichmuts» entbehren, und ein schweres Geschick mit stil-ler Ergebung tragen lehren, sondern auch ein mächtiger Antriebfür ihn seyn, auf der Bahn der Tugend zu wandeln, seinemoralische Veredlung keine Minute aufzuschieben, um stetsin einer Verfassung zu seyn, in der er das Leben, mit der be-seligenden Hoffnung auf ein ungetrübteres, freudenvolleres Da-seyn jenseits des Grabes, in welchem er das hier begonneneStreben nach sittlicher Vollendung fortsetzen werde, verlassenkönne.