nur festzustellen, soweit es nichts weiter als formale Be-gabung bedeutet. Aber es bedeutet ja viel, viel mehr; esbedeutet geheime EntwicklungS- und Bildungsmöglichkeiten,schlummernde sittliche Eigenschaften, die unmöglich imvoraus zu konstatieren sind. Talent ist bei Zwanzigjährigenetwas durchaus Subjektives, ein Instinkt, ein Glaube. Ihnzu bestärken, ihn zu entmutigen, ist gleich verantwortungs-voll. Und ich sollte denken, daß jeder Künstler ein zu ge-fährdetes Dasein führt, um auch noch die Verantwortungfür fremde Existenzen tragen zu können.
Geführt von Abenteuerdrang und seiner Liebe zu nor-discher Dichtung, tritt der junge Mendelssohn 1908 seineerste Reise nach Island an, und dieses Land wird daggroße Erlebnis seiner Seele. Seine intellektuellen Triebesowohl wie der Ehrgeiz, seinem Körper ritterlich strengeZumutungen zu stellen — ein heroischer und vielleicht un-zukömmlicher Ehrgeiz, denn er hat einen zarten Körper, —finden in dieser Natur, unter diesen Menschen wonnigesGenüge. Ein rauhes Jäger- und Reikerleben nimmt ihnauf; zu Pferde durchstreift er wochenlang die Lava- undSchueewüsten der Hochebene, erlauscht zwischendurch mitLiteratenlust die Sagen des Volkes, vertieft sich in dessenaltnordische Mundart. Zurückgekehrt in die Zivilisation,der er dienen, in der er seßhaft werden will, läßt er sichin Kopenhagen nieder und wirft sich auf das Studium derskandinavischen Sprachen. Er liebt, er heiratet dort oben,und, unbemittelt, schasst er wie ein Mann den Unterhaltfür Frau und Kind, indem er isländische, dänische undschwedische Romane ins Deutsche überseht. Ein Band is-ländischer Sagaliteratur erscheint in seiner Übertragung inder Sammlung „Thule" bei Eugen Diederichs; er verdeutscht