92
mehr denn das, die .Gesellschaft', eine Rute aufgebunden:der Schulzwang hat alle Welt lesen gelehrt und mit demHalbbildungsdünkel den letzten Rest von Autorität begraben;die Militärpflicht hat jeden schießen gelehrt und die wüsteMasse zu Arbeiterbataillonen organisiert." Diese Einsicht,heute zum Gemeinplatz geworden, war dag Erlebnis dersiebziger Jahre, und die Briefstelle erinnert, wie mancheandere, an Nietzsche, der höhnisch fragte: „Mit einemWorte: was will man? Will man Sklaven, so ist man !
ein Narr, wenn man sich Herren erzieht." Zwischen dieser !
Anschauungsweise und dem unbedingten Enthusiasmus des :
alten Fontane für den „vierten Stand" liegt gewiß eine !
Entwicklung, liegt das Bewußiwerden seiner Modernität, !
sein wundervolles Hineinwachsen in Jugend und Zukunft. f
Aber ebenso gewiß ist, daß er der Mann war, in dembeide Anschauungen, die konservative und die revolutionäre, f
nebeneinander bestehen konnten; denn seine politische Psyche i
war künstlerisch kompliziert, war in einem sublimen Sinn i
unzuverlässig; und ganz im Grunde hat er sich kaum gewun- «
dert, daß an seinem „Fünfundsiebzigsten" nicht die Stechow, j
Bredow und Rochow, sondern der andere, der seelisch frag- i
würdige, der „fast schon prähistorische" Adel zu ihm kam. ,
Diese Kompliziertheit war mehr als der „mangelnde )
Sinn für Feierlichkeit" (der aber vielleicht dasselbe ist) >1,
daran schuld, daß Fontane „es nicht weit brachte", daß derDichter des Alten Derfflinger, des Alten Dessauer, des ,,
Alten Zieten und der Berliner Einzugscarmina nicht offiziell,nicht Adlerritter und Hofgänger werden konnte, wie AdolfMenzel. Unstreitig fällt beim bildenden Künstler, beimhohen Handwerker das Geistige und Problematische mehrals beim Schriftsteller mit dem Technischen zusammen; nichts ^