Druckschrift 
Ansprache im Schillerjahr 1955
Entstehung
Seite
33
Einzelbild herunterladen
 

ruft, es zu brennendster, vitalster Zeitgemäßheit erneuert, ihmeine Notwendigkeit auf Leben und Tod verleiht, wie es sie niezuvor besaß. Wie steht es heute? Tief sinkt die nationale Idee,die Idee desengeren Raumes ins Gestrige ab. Von ihr aus,jeder fühlt es, ist kein Problem, kein politisches, ökonomisches,geistiges mehr zu lösen. Der universelle Aspekt ist die Forde-rung der Lebensstunde und unseres geängstigten Herzens,und längst hat der Gedanke an die Ehre der Menschheit, dasWort Humanität, die weiteste Teilnehmung, auf gehört, eineschwache Verhaltungsregel zu sein. Gerade dies umfas-sende Gefühl ist es, was not-, nur allzu nottut, und ohne daßdie Menschheit als Ganzes sich auf sich selbst, auf ihre Ehre,das Geheimnis ihrer Würde besinnt, ist sie nicht moralisch nur,nein, physisch verloren.

Das letzte Halbjahrhundert sah eine Regression des Mensch-lichen, einen Kulturschwund der unheimlichsten Art, einenVerlust an Bildung, Anstand, Rechtsgefühl, Treu und Glau-ben, jeder einfachsten Zuverlässigkeit, der beängstigt. ZweiWeltkriege haben, Roheit und Raffgier züchtend, das intel-lektuelle und moralische Niveau (die beiden gehören zusam-men) tief gesenkt und eine Zerrüttung gefördert, die schlechteGewähr bietet gegen den Sturz in einen dritten, der alles be-enden würde. Wut und Angst, abergläubischer Haß, panischerSchrecken und wilde Verfolgungssucht beherrschen eineMenschheit, welcher der kosmische Raum gerade recht ist,strategische Basen darin anzulegen, und die die Sonnenkraftäfft, um Vernichtungswaffen frevlerisch daraus herzustellen.

Find ich so den Menschen wieder,

Dem wir unser Bild geliehn,

Dessen schöngestalte Glieder