Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
617
Einzelbild herunterladen
 

nichtachtendes Eingehen und Entgegenkommen, dem doch eher derName der Verführung gebührte. Ja, er sprach von dem Wunderder Unbeirrbarkeit, Unverwirrbarkeit durch Melancholie undGefühl, und ich habe wenig Zweifel, dass diese "Verwunderung"zurückging bis auf jenen schon fernen Abend, wo Schwerdtfe-ger in seinem Zimmer erschienen war, um ihn in die Gesell-schaft zurückzubitten, die ohne ihn so langweilig sei. Unddoch waren bei diesem sogenannten Wunder wirklich auch immerdie wiederholt gerühmten edlen, künstlerisch freien und an-ständigen Charaktereigenschaften des armen Rudi im Spiele.

Ein Brief ist vorhanden, den Adrian etwa um die Zeit jenerAbendunterhaltung bei Bullinger an Schwerdtfeger schrieb,und den dieser selbstverständlich hätte vernichten sollen,den er aber, teils aus Pietät, teils gewiss auch als Trophäe,aufbewahrt hatte. Ich lehne es ab, daraus zu citieren,sondern will ihn nur als ein menschliches Dokument bezeich-nen, das wie das Entblössen einer Wunde wirkt, und in des-sen schmerzlicher Unverhülltheit der Schreibende wohl garein grosses Wagnis erblickte. Es war keines. Aber schönwar doch die Art, wie sich erwies, dass es keines war. So-fort, eiligst, ohne jede quälende Verzögerung,erfolgte da-mals ein Besuch des Empfängers in Pfeiffering, eine Ausspra-che, die Versicherung ernstlicher Dankbarkeit - eine einfache,kühne und treuherzig-zarte Verhaltensweise offenbarte sich,eifrig darauf bedacht, jeder Beschämung vorzubeugen... Ichmuss das loben, ich kann nicht umhin, es zu tun. Und miteiner Art von Billigung vermute ich, dass bei dieser Gelegen-heit die Ausarbeitung und Zueignung des Violin-Konzerts be-schlossen wurde.

Es führte Adrian nach Wien. Es führte ihn danach zusam-men mit Rudi Schwerdtfeger, auf das ungarische Gutsschloss.

Als sie von dort zurückkehrten, erfreute Rudolf sich desPrärogativs, das bisher, von Kindheitswegen, ausschliess-

617