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Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
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Je stärker ein Akkord dissoniert, je mehr von einander abste-chende und auf differenzierte Weise wirksame Töne er in sichenthält, desto polyphoner ist er, und desto ausgesprochenerhat schon in der Gleichzeitigkeit des Zusammenklanges jedereinzelne Ton das Gepräge der Stimme.

Ich blickte ihn längere Zeit humoristisch-fatal mit dem Kopfenickend an.

- Du kannst gut werden, sagte ich endlich.

- Ich? erwiderte er, nach seiner Art sich abwendend. Ichspreche ja von der Musik, nicht von mir, - ein kleiner Unter-schied.

Er hielt gar sehr auf diesen Unterschied und sprach überMusik nur wie über eine fremde Macht, ein wunderliches, ihnaber persönlich nicht berührendes Phänomen, sprach von ihrkritisch distanziert und gewissermassen von oben herab, -aber er sprach von ihr und hatte desto mehr Stoff dazu, als indiesen Jahren, dem letzten, das ich mit ihm auf der Schule ver-brachte, und meinen ersten Studentensemestern, seine musikali-sche Erfahrung, seine Kenntnis der musikalischen Welt-Literatursich rapide erweiterte, sodass freilich bald der Abstand zwi-schen dem, was er kannte und was er konnte, jener von ihm beton-ten Unterscheidung eine Art von Augenfälligkeit verlieh. Dennwährend er als Pianist sich an Stücken versuchte wie Schumanns"Kinderszenen" und den beiden kleinen Sonaten von Beethoven*opus 45, und als Musikschüler sehr brav Choral-Themen so har-monisierte, dass das Thema in die Mitte der Akkorde zu liegenkam, gewann er mit grosser Schnelle, ja fast überstürzter undüberlastender Weise einen zwar ihkoherenten, im Einzelnenaber intensiven Überblick über die vorklassische, klassische,romantische und spätromantisch-moderne Produktion, und zwarnicht nur die deutsche, sondern auch die italienische, fran-*zösische, slavische, - natürlich durch Kretzschmar, der selbstzu verliebt war in alles - aber auch alles - in Tönen Geschaf-