lische Probleme auszudenken, die er wie Schachaufgaben löste,konnte Besorgnis einflössen, da die Gefahr nahe lag, dass erdieses Ersinnen und Bewältigen technischer Schwierigkeiten be-reits für Komponieren hielt. So verbrachte er Stunden damit,auf möglichst knappem Raum Akkorde, die zusammen alle Töne derchromatischen Leiter enthielten, zu verbinden, und zwar ohnedass die Akkorde chromatisch verschoben wurden und ohne, dasssich bei der Verbindung Härten ergaben. Oder er gefiel sichdarin, sehr starke Dissonanzen zu konstruieren, und alle mög-lichen Auflösungen dafür zu erfinden, die aber, eben weil derAkkord so viele widersprechende Töne enthielt, nichts mit ein-ander zu tun hatten, so dass jener bittere Klang, einem Zauber-Siegel gleich, Beziehungen zwischen den entferntesten Klängenund Tonarten stiftete.
Eines Tages brachte der Anfänger in blosser HarmonielehreKretzschmarn, zu dessen Erheiterung, die auf eigene Hand ge-machte Entdeckung des doppelten Kontrapunkts. Will sagen:er gab ihm zwei simultane Stimmen zu lesen, von denen jedesowohl Ober- wie Unterstimme sein konnte und die also vertausch-bar waren. - Hast du den dreifachen heraus, sagte Kretzschmar,so behalt ihn für dich. Ich will nichts wissen von deinen Vor-eiligkeiten.
Er behielt viel für sich und liess nur mich allenfalls, ingelockerten Augenblicken, teilnehmen an seinen Spekulationen, -seiner Vertiefung besonders in das Problem der Einheit, Ver-tauschbarkeit, Identität von Horizontale und Vertikale. Baldbesass er eine in meinen Augen unheimliche Fertigkeit darin,melodische Linien zu erfinden, deren Töne man übereinanderstel-len, simultan machen, in komplizierte Harmonien zusammenfaltenkonnte - und umgekehrt vieltönige Akkorde zu gründen, die indie melodische Horizontale auseinanderzulegen waren.
Auf dem Schulhof, zwischen einer griechischen Stunde undeiner in Trigonometrie, sprach er mir wohl, an den Vorsprung
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