zu sagen, dass sie atmosphärisch wie schon in ihrem äusserenBilde etwas stark Mittelelalterliches bewahrt hatte. Die al-ten Kirchen, die treulich konservierten Bürgerhäuser und Spei-cher, Bauten mit offen sichtbarem Holzgebälk und überhängen-den Stockwerken, Rundtürme mit Spitzdächeiftin einer Mauer,baumbestandene Plätze, mit Katzenköpfen gepflastert, ein Rat-haus, im Baucharakter zwischen Gotik und Renaissance schwebend,mit einem Glockenturm auf dem hohen Dach, Loggien unter diesemund zwei weiteren Spitztürmen, welche sich, Erker bildend, dieFront hinunter bis zum Erdgeschoss fortsetzten, - dergleichenstellt für das Lebensgefühl die ununterbrochene Verbindung mitder Vergangenheit her, mehr noch, es scheint jene berühmteFormel der Zeitlosigkeit, das scholastische Nun stans an derStirn zu tragen. Die Identität des Ortes, welcher derselbeist.wie vor dreihundert, vor neunhundert Jahren, behauptetsich gegen den Fluss der Zeit, der darüber hingeht und vielesfortwährend verändert, während anderes - und bildmässig Ent-scheidendes - aus Pietät, das heisst aus frommem Trotz gegendie Zeit und aus Stolz auf sie, zur Erinnerung und der Würdewegen stehenbleibt.
Dies nur vom Stadtbilde. Aber in der Luft war etwas hän-gengeblieben von der Verfassung des Menschengemütes in denletzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, Hysterie des ausge-henden Mittelalters, etwas von latenter seelischer Epidemie:Sonderbar zu sagen von einer verständig-nüchternen modernenStadt (aber sie war nicht modern, sie war alt, ■und Alter istVergangenheit als Gegenwart, eine von Gegenwart nur überlager-te Vergangenheit) - möge es gewagt klingen, aber man konntesich denken, dass plötzlich eine Kinderzug-Bewegung, einSankt Veistanz, das visionär-kommunistische Predigen irgendeines "Hänselein" mit Scheiterhaufen der Weltlichkeit, Kreuz-wunder-Erscheinungen und mystischem Herumziehen des Volkeshier ausbräche. Natürlich geschah es nicht, - wie hätte es
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