dem ich mich heute, den 27. Mai 1943, zwei Jahre nach Lever-kühns Tode, will sagen: zwei Jahre nachdem er aus tiefer Nachtin die tiefste gegangen, in meinem langjährigen kleinen Stu-dierzimmer zu Preising an der Isar niedersetze, um mit der Le-bensbeschreibung meines in Gott ruhenden - o möge es so sein! -in Gott ruhenden unglücklichen Freundes den Anfang zu machen, -kennzeichnend, sage ich, für einen Gemütszustand, worin herz-pochendes Mitteilungsbedürfnis und tiefe Scheu vor dem Unzu-kömmlichen sich auf die bedrängenste Weise vermischen. Ich bineine durchaus gemässigte und, ich darf wohl sagen, gesunde,hu-man temperierte, auf das Harmonische und Vernünftige gerichteteNatur, ein Gelehrter und conjuratus des "Lateinischen Heeres",nicht ohne Beziehung zu den Schönen Künsten (ich spiele dieViola d'amore), aber ein Musensohn im akademischen Sinne desWortes, welcher sich gern als Nachfahre der deutschen Humani-sten aus der Zeit der "Briefe der Dunkelmänner", eines Reuchlin,Crotus von Dornheim, Mutianus und Eoban Hesse betrachtet. DasDämonische, so wenig ich mir herausnehme, seinen Einfluss aufdas Menschenleben zu leugnen, habe ich jederzeit als entschie-den wesensfremd empfunden, es instinktiv aus meinem Weltbildeausgeschaltet und niemals die leiseste Neigung verspürt, michmit den unteren Mächten verwegen einzulassen, sie gar im Über-mut zu mir heraufzufordern, oder ihnen, wenn sie von sich ausversuchend an mich herantraten, auch nur den kleinen Finger zureichen. Dieser Gesinnung habe ich Opfer gebracht, ideelle undsolche des äusseren Wohlseins, indem ich ohne Zögern meinen mirlieben Lehr-Beruf vor der Zeit aufgab, als sich erwies, dasssie sich mit dem Geiste und den Ansprüchen unserer geschichtli-chen Entwicklungen nicht vereinbaren liess. In dieser Bezie-hung bin ich mit mir zufrieden. Aber in meinem Zweifel, obich mich zu der hier in Angriff genommenen Aufgabe eigentlichberufen fühlen darf, kann mich diese Entschiedenheit oder, wennman will, Beschränktheit meiner moralischen Person nur bestärken.
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