Druckschrift 
Der Erwählte : Roman
Entstehung
Seite
247
Einzelbild herunterladen
 

leise Betruebnis. "loh gestehe, dass ich der Meinung war, eshabe es nur zu mir gesagt.'*

"Sextus, du sprichst als ob -l"

Ja, mein Liberius, auch mir ist das ergreifende Lamm er-schienen und hat mir seine Offenbarung getan, augenscheinlich zuderselben Stunde, wie dir. Und nicht genug damit, hat es mirauch verkuendet, dass ich ausersehen sei, den Erkorenen, unterwie grossen Muehen immer, aufzusuchen und ihn nach Rom zu fuehren."

"Aber das will ich dir ja gerade berichten", rief Liberius,"dass es mir - auch mir also - diesen heiligen Auftrag erteilthat i"

"So, auch dir", sagte Probus. "Uns beiden also, jedem vonuns, und zwar gleichzeitig. Freund, welch ein Wunder l Das r«war auf deinem Soeller, und es war in meinem Garten, und zu je-dem von uns hat es gesprochen, als spraeche es nur zu ihm.Uebersteige mutig die Alpen, sagte es...

"Wende dich gen Abend und Mitternacht -" fiel Liberius ein.

Und nun wiederholten sie, einander ins Wort fallend, alles, wasdas Lamm zu ihnen gesagt und was es sie ueber den ungefaehrenAufenthaltsort des Erwaehlten gelehrt hatte. "Ach, das Lammi"riefen sie immer wieder, einzeln und zweistimmig. Denn sie kamennicht los von der gemeinsamen Erinnerung an des Lammes zu Herzengehendes Bild, seine unendlich sanften, lang bewimperten Augen,die ruehrenden Bewegungen seines Mundes beim Sprechen, die zittern-de Suessigkeit seiner Stimme, das Blut, das von dem Gelock seinesFlieses getroffen war. Von dem Sarkophag standen sie auf, san-ken sich in die Arme und kuessten einander, trotz der Verschieden-heit ihrer Groesse, unter Traenen auf die Wangen. Probus Kopflag an der Brust des Liberius, dessen Dalmatika er mit seinen

247