Druckschrift 
Der Erwählte : Roman
Entstehung
Seite
239
Einzelbild herunterladen
 

u Da ich es hoere, ist mir, als ob er garnicht anders heissenkoennte, geliebtes Lamm* Willst du mich in deiner Guete auchwissen lassen, wo er ist?

"Fern von hier, erwiderte das Lamm. "Und du bist ersehen,ihn einzuholen. Auf, Probet Suche ihn von Land zu Land in derKristenheit und lass dich keine Muehen der Reise gereuen, siefuehre nun hoch ueber oede Gebirgspaesse oder ueber reissendeFluesse. Auf einem wilden Stein sitzt der Erwaehlte ganz alleinseit vollen siebzehn Jahren. Suche und hole ihn, denn ihm ge-hoert der Stuhl."

"Ich will suchen mit allen meinen Kraeften", versicherteProbus. "Aber, ruehrendes Lamm, die Kristenheit ist so weit undgross. Muss ich sie ganz durchforschen, bis ich auf den Steinstosse, den der Erwaehlte einnimmt? In meiner Menschenschwaechezage ich vor der Sendung."

"Wer da sucht, der wird finden", sagte das Lamm mit besonderszu Herzen gehender Stimme; und auf einmal mischte sich in denbitteren Duft des Lorbeers, worin der Roemer gesessen hatte,Rosenduft, so stark und lieblich, dass man nur ihn noch wahrnahm.Denn jeder Blutstropfen, der aus des Lammes Wunde und von seinemlockigen Fell zu Boden rann, verwandelte sich dort in eine vollerbluehte rote Rose, deren es bald 3ehr viele waren.

"Uebersteige mutig die Alpen", fuhr das Lamm, in den Rosenstehend, zu reden fort. "Ziehe durchs Alamannenland, ohne dichetwa von dem beruehmten Sankt Gallen verlocken zu lassen, dortzu saeumen, und richte dich weiter gen Abend und Mitternacht,gegen das Nordmeer. Kommst du in ein Land, das an dieses grenztund fuenf Jahre lang mit Krieg ueberzogen war, von dem eine fest-haltende Hand es befreite, so bist du recht. Wende dich gegen

239