Vorwort
Wenngleich die hohe und unvergängliche Bedeutung des „Wohltemperirten Klaviers“ von Joh. Seb.Bach in erster Linie darauf beruht, dass uns in jedem Präludium, in jeder Fuge, abgesehen von allercontrapunktischen Kunst, ein in sich vollendetes Gebilde grossartigster Fantasie entgegentritt, so ist dochauch jene contrapunktische Kunst von solcher Bedeutung, dass jeder Eingeweihte in Verehrung und Be-wunderung vor dieser eminenten, wohl nicht zu überbietenden Combinationsgabe und vor dieser Vollen-dung des Fugenbaues dasteht. Da nun jedes echte Kunstwerk nicht nur mit den Sinnen und mit demGemüthe, sondern auch mit dem Verstände genossen und erfasst sein will, so erhöht sich auch der Ge-nuss an einer Bach’schen Fuge mit dem wachsenden Verständnisse vor deren kunstvollem Aufbau. Da nundie Erkenntniss von diesem Aufbau einer Fuge nicht von jedem Jünger der Tonkunst, geschweige dennvon jedem Dilettanten erwartet werden kann, während der richtige und erschöpfende Vortrag einer Fugedoch von dieser Erkenntniss ab hängt, so hat der Herausgeber vorliegender neuen Ausgabe des wohltem-perirten Klaviers versucht, durch einen kurzen Hinweis auf das jedesmalige Eintreten des Fugenthemas,auf dessen Umkehrung, Vergrösserung oder Verkleinerung, auf die Verwendung des Contrapunkts, auf Eng-führungen und Imitationen etc. eine Analyse jeder Fuge zu geben. Auf einen erläuternden Text hat derHerausgeber verzichtet, da dieser die Ausgabe in’s Masslose ausgedehnt haben würde und sich überdiesDemjenigen, der sich mit Intelligenz dieser Ausgabe bedient, als überflüssig erscheinen dürfte. Trotz derHinweise wird dem eifrig Forschenden immerhin noch Manches zu entdecken übrig bleiben, da Bach oftgenug nur Bruchstücke seines Themas oder seines Contrapunktes verwendet, worauf hinzuweisen nicht im-mer möglich war. Ob diese oder jene Fuge als Doppel- oder Tripelfuge aufzufassen sei oder als einfa-che Fuge mit verschiedenen Contrapunkten, wird immer ein streitiger Punkt bleiben und, wie auch somanches Andere noch, von individueller Auffassung abhängig sein; es kommt aber wohl weniger auf dieBenennung dessen, was Bach in seinen Fugen niedergelegt hat, an, als auf die Erkenntniss desselben.
Leipzig“.
Carl Reine eke.