Druckschrift 
Zweyte Abtheilung, Sieben und zwanzigster Band (1804)
Entstehung
Seite
91
Einzelbild herunterladen
 

alle dem ein Stolz und ein Hochmuth, der nicht zubeschreiben ist. Uebrigens harte er ein gefährliche»Talent, Menschen und Sachen klar zu würdigen, dieSchwäche eines Räsonnements zu entdecken und tüch.tiger und mit mehr Tiefe als seine Lehrer zu rasonni-ren; aber sobald auch die Heftigkeit der Leidenschaftvorüber war, bemächtigte sich seiner wieder die Ver-nunft und gewanu über alles die Herrschaft; er fühlteseine Fehler, gestand sie lind oft mit solcher Reue, daßer von neuem in Heftigkeit verfiel. Er hatte einen leb-haften, thätigen, durchdringenden Geist, gegen alleHindernisse kämpfend, im buchstäblichen Sinne undin jeder Hinsicht erhaben. Wunderbar ist, daß in sehrkurzer Zeit die Frömmigkeit und göttliche Gnade au»ihm einen ganz andern Menschen gebildet und so vielund so entsetzliche Fehler in die ganz entgegengesetztenTugenden verwandelt hatte. Man nehme daher alleLobsprüche meiner Rede ganz wörtlich. Da er immerviel Geschmack und Talent für die abstracken Wissen-schaften gehabt hatte, so vertraten sie ihm Die StelleDer Vergnügungen, die er, wenn sie auch noch so un-schuldig waren, wegen der in ihm wohnenden Neigungfür dieselben mit Schaudern floh. Dieß verbundenmit der strengen Nächstenliebe in einem Novizen, deranfangs in allem nach Vollkommenheit strebt und keineGrenzen der Dinge kennt, und mit einer Schüchtern-heit, die ihn überall in Verlegenheit setzte, indem erjeden Augenblick zwischen Gott, den er in allem zu be-leidigen glaubte, und der Welt, die ihn mit ewigemZwang einengte, hin und her schwankend nicht wußte,was er sagen und khun sollte — dieß alles trieb ihn indie tiefste Einsamkeit des Lebens, indem er sich nirgendsals in der Einsamkeit srey fühlte und ihm sein Geistund die Wissenschaften, so wie das Gebet, das einengroßen Theil seinerZeit füllte, genugStoffzur Befchäf-

tigsng