Druckschrift 
8 : Abth. 1, Bd. 8 (1895) Der Fall Wagner [u.a.]
Entstehung
Seite
173
Einzelbild herunterladen
 

*73

das Wort Dionysos: ich kenne keine höhere Symbolikals diese griechische Symbolik, die der Dionysien.In ihr ist der tiefste Instinkt des Lebens, der zurZukunft des Lebens, zur Ewigkeit des Lebens, religiösempfunden, der Weg selbst zum Leben, die Zeugung,als der heilige Weg . . . Erst das Christenthum, mitseinem Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde,hat aus der Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht:es warf Koth auf den Anfang, auf die Voraussetzungunsres Lebens ...

Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströ-menden Lebens- und Kraftgefühls, innerhalb dessen selbstder Schmerz noch als Stimulans wirkt, gab mir denSchlüssel zum Begriff des tragischen Gefühls, dassowohl von Aristoteles als in Sonderheit von unsernPessimisten missverstanden worden ist. Die Tragödie istso fern davon, Etwas für den Pessimismus der Hellenenim Sinne Schopenhauers zu beweisen, dass sie vielmehrals dessen entscheidende Ablehnung und Gegen-instanz zu gelten hat. Das Jasagen zum Leben selbstnoch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; derWille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen dereignen Unerschöpflicbkeit frohwerdend das nannteich dionysisch, das errieth ich als die Brücke zur Psy-chologie des tragischen Dichters. Nicht um vonSchrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sichvon einem gefährlichen Affekt durch dessen vehementeEntladung zu reinigen so verstand es Aristoteles:sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, dieewige Lust des Werdens selbst zu sein, jene Lust,