Druckschrift 
8 : Abth. 1, Bd. 8 (1895) Der Fall Wagner [u.a.]
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

werden konnte. Die erste Kirche kämpfte ja, wie be-kannt, gegen dieIntelligenten zu Gunsten derArmendes Geistes: wie dürfte man von ihr einen intelligentenKrieg gegen die Passion erwarten? Die Kirche be-kämpft die Leidenschaft mit Ausschneidung in jedemSinne: ihre Praktik, ihreKur ist der Castratismus.Sie fragt nie:wie vergeistigt, verschönt, vergöttlicht maneine Begierde? sie hat zu allen Zeiten den Nachdruckder Disciplin auf die Ausrottung (der Sinnlichkeit, desStolzes, der Herrschsucht, der Habsucht, der Rachsucht)gelegt. Aber die Leidenschaften an der Wurzel an-greifen heisst das Leben an der Wurzel angreifen: diePraxis der Kirche ist lebensfeindlich . . .

2 .

Dasselbe Mittel, Verschneidung, Ausrottung, wirdinstinktiv im Kampfe mit einer Begierde von Denengewählt, welche zu willensschwach, zu degenerirt sind,um sich ein Maass in ihr auflegen zu können; von jenenNaturen, die la Trappe nöthig haben, im Gleichniss ge-sprochen (und ohne Gleichniss), irgend eine endgültigeFeindschafts-Erklärung, eine Kluft zwischen sich undeiner Passion. Die radikalen Mittel sind nur den Dege-nerirten unentbehrlich; die Schwäche des Willens, be-stimmter geredet, die Unfähigkeit, auf einen Reiz nichtzu reagiren, ist selbst bloss eine andre Form der Dege-nerescenz. Die radikale Feindschaft, die Todfeindschaftgegen die Sinnlichkeit bleibt ein nachdenkliches Symp-tom: man ist damit zu Vermuthungen über den Gesammt-Zustand eines dergestalt Excessiven berechtigt. JeneFeindschaft, jener Hass kommt übrigens erst auf seineSpitze, wenn solche Naturen selbst zur Radikal-Kur, zur