Druckschrift 
8 : Abth. 1, Bd. 8 (1895) Der Fall Wagner [u.a.]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

I.

Ich hörte gestern werden Sie es glauben? zumzwanzigsten Male Bizets Meisterstück. Ich harrte wiedermit einer sanften Andacht aus, ich lief wieder nichtdavon. Dieser Sieg über meine Ungeduld überraschtmich. Wie ein solches Werk vervollkommnet! Manwird selbst dabei zumMeisterstück. Und wirklichschien ich mir jedes Mal, dass ich Carmen hörte, mehrPhilosoph, ein besserer Philosoph, als ich sonst mir scheine:so langmüthig geworden, so glücklich, so indisch, sosesshaft . . . Fünf Stunden Sitzen: erste Etappe derHeiligkeit! Darf ich sagen, dass Bizets Orchesterklangfast der einzige ist, den ich noch aushalte? Jener andereOrchesterklang, der jetzt obenauf ist, der Wagnerische,brutal, künstlich undunschuldig zugleich und damit zuden drei Sinnen der modernen Seele auf Einmal redend,

wie nachtheilig ist mir dieser AVagnerische Orchester- pklang! Ich heisse ihn Scirocco. Ein verdriesslicherSchweiss bricht an mir aus. Mit meinem guten Wetterist es vorbei.

Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommtleicht, biegsam, mit Plöflichkeit daher. Sie ist liebens-würdig, sie schwitzt nicht.Das Gute ist leicht, allesGöttliche läuft auf zarten Füssen: erster Satz meiner 'Ästhetik. Diese Musik ist böse, raffinirt, fatalistisch: sie