dazu gehabt. „Gut und Böse“ ist nur eine Spielart jenesProblems. Hat man sich für die Abzeichen des Nieder-gangs ein Auge gemacht, so versteht man auch dieMoral, — man versteht, was sich unter ihren heiligstenNamen und Werthformeln versteckt: das verarmteLeben, der Wille zum Ende, die grosse Müdigke it. Moralverneint das Leben ... Zu einer solchen Aufgabe warmir eine Selbstdisciplin von Nöthen: — Partei zu nehmengegen alles Kranke an mir, eingerechnet Wagner, ein-gerechnet Schopenhauer, eingerechnet die ganze moderne„Menschlichkeit“. — Eine tiefe Entfremdung, Erkältung,Ernüchterung gegen alles Zeitliche, Zeitgemässe: und alshöchsten Wunsch das Auge Zarathustra’s, ein Auge,das die ganze Thatsache Mensch aus ungeheurer Ferneübersieht, — unter sich sieht . . . Einem solchen Ziele— welches Opfer wäre ihm nicht gemäss? welche „Selbst-überwindung“ ! welche „Selbst-Verleugnung“!
Mein grösstes Erlebniss war eine Genesung.Wagner gehört bloss zü meinen Krankheiten.
Nicht dass ich gegen diese Krankheit undankbarsein möchte. Wenn ich mit dieser Schrift den Satz auf-recht halte, dass Wagner schädlich ist, so will ichnicht weniger aufrecht halten, wem er trotzdem unent-behrlich ist — dem Philosophen. Sonst kann man viel-leicht ohne Wagner auskommen: dem Philosophen aberst-eht es nicht frei, Wagner’s zu entrathen. Er hat dasschlechte Gewissen seiner Zeit zu sein, — dazu muss erderen bestes Wissen haben. Aber wo fände er für dasLabyrinth der modernen Seele einen eingeweihterenFührer, einen beredteren Seelenkündiger als Wagner?Durch Wagner redet die Modernität ihre intimsteSprache: sie verbirgt weder ihr Gutes, noch ihr Böses,sie hat alle Scham vor sich verlernt. Und umgekehrt: