§ 1 -
Vorbegriffe.
Das Wort »Litteratur« ist bedenklich und unterhält einVorurtheil. Aehnlich wie es der alte Fehler der Grammatikwar, vom Buchstaben und nicht vom Laute auszugehen, soist es der alte Fehler der Litteraturgeschichte, zuerst an dasSchriften thum eines V olkes und nicht an das kunstmässigeSprachthum zu denken, d. h. von einer Zeit auszugehen,in welcher das sprachliche Kunstwerk vom Leser alleingenossen wird. Nun sollte man aber gerade von dem werth-vollsten Theile der griechischen Literatur den Gedanken anSchreiben und Lesen möglichst fern halten; nicht dass dieSchrift gefehlt hätte — aber sie diente nur dem sprach-lichen Künstler, der erst als sprechender oder singendervor das Publikum trat. Der Unterschied ist ausserordentlich,ob etwas, z. B. ein Drama, für Leser oder für Hörer undSchauer bestimmt ist und ob die gesammten Künstler derSprache, wie im älteren Griechenland, eben nur an Hörerund Schauer bei der Conception des Kunstwerks denken;ebenso wie auch die Aufnahme des Kunstwerks beim Lesenoder durch Hören eine ganz verschiedene ist. Man könntees eine Entartung nennen, wenn eine ganze LiteraturLeselitteratur geworden ist: nun aber leben wir in einersolchen Entartung und bringen deshalb viele falschen Maass-stäbe und Voraussetzungen in die griechische Geschichtemit, von der uns leider nur Lesewerke vorliegen. Desshalbwill ich die Gesichtspunkte gleich namhaft machen, unterdenen ich die griechische Litteratur betrachte.
1. Ich nehme sie als die Geschichte der kunst-massigen Behandlung der Sprache. Hier ist Prosaund Poesie einbegriffen. Ausgeschlossen ist also die un-
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