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18 : Abth. 3, Philologica ; Bd. 2 (1912) Unveröffentlichtes zur Litteraturgeschichte, Rhetorik und Rhythmik
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XIV
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Im Gegensatz zu der puritanischen Strenge der Mehr-zahl seiner Zunftgenossen hatte Nietzsche, nach Burckhardt'sForderung, den Sinn und Trieb, vor allem »das Interessantezu sehn«. Merkwürdig ist es, wie ihn die anekdotischeKleinüberlieferung, die man als geschichtlich wertlos unterden Tisch zu wischen pflegt, lockt und beschäftigt. Hierlagen die markantesten Vorzüge, aber auch die Gefahrenseiner Natur. Nietzsche kannte sie wohl. Die zahlreichenVorstudien und Vorstufen dieser Arbeiten, die das WeimarerArchiv verwahrt von Zettelhaufen und Dispositionen biszum säubern Manuscript, lassen erkennen, wie streng-er sich immer wieder in Zucht zu nehmen suchte. Esklingt wie eine Selbstschau und Selbstkritik, was er in denJahren, wo er diese Vorlesungen zu halten hatte, einmalschreibt: »Unwissenschaftliche, aber begabte Menschen

schätzen jedes Anzeichen von Geist, sei es nun, dass es aufwahrer oder auf falscher Fährte ist; sie wollen vor allem,dass der Mensch, der mit ihnen verkehrt, sie gut mit seinemGeist unterhalte, sie ansporne, zu Ernst und Scherz fort-reisse und jedenfalls vor der Langeweile als kräftigstes Amuletschütze. Die wissenschaftlichen Naturen wissen dagegen,dass die Begabung, allerhand Einfälle zu haben, auf dasStrengste durch den Geist der Wissenschaft gezügelt werdenmüsse; nicht das, was glänzt, scheint, erregt, sondern dieoft unscheinbare Wahrheit ist die Frucht, welche er vomBaume der Erkenntniss zu schütteln wünscht. Er darf, wieAristoteles, zwischen »Langweiligem« und »Geistreichem«keinen Unterschied machen; sein Dämon führt ihn durch dieWüste ebenso wie durch tropische Vegetation, damit erüberall nur an dem Wirklichen, Haltbaren, Aechten seineFreude habe. Daraus ergiebt sich, bei unbedeutenden Ge-lehrten, eine Missachtung und Verdächtigung des Geist-reichen überhaupt, und wiederum haben geistreiche Leutehäufig eine Abneigung gegen die Wissenschaft: wie zumBeispiel fast alle Künstler«.

München, den 28. Februar 1912.

Otto Crusius.