74
75 -
Allgemeinste Typen der decadence:
1) man wählt, im Glauben, Heilmittel zu wählen, Das,
was die Erschöpfung beschleunigt; — dahin ge-hört das Christenthum (um den grössten Falldes fehlgreifenden Instincts zu nennen); — dahingehört der „Fortschritt“ —
2) man verliert die Widerstands - Kraft gegen die
Reize, — man wird bedingt durch die Zufälle:man vergröbert und vergrössert die Erlebnissein’s Ungeheure . . . eine „Entpersönlichung“, eineDisgregation des Willens; — dahin gehört eineganze Art Moral, die altruistische, die, welchedas Mitleiden im Munde führt: an der das Wesent-liche die Schwäche der Persönlichkeit ist, sodasssie mitklingt und wie eine überreizte Saite be-ständig zittert . . . eine extreme Irritabilität . . .
3) man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht
die decadence nicht als physiologisch und siehtin ihren Folgen die eigentliche Ursache des Sich-Schlecht-Befindens; — dahin gehört die ganzereligiöse Moral . . .
4) man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet:
das Leben wird thatsächlich als Grund zu Übelnempfunden, — man taxirt die bewusstlosen,gefühlslosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unver-gleichlich werthvoller, als die bewussten; darauseine Methodik . . .
76.
Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sonderndie Krankhaftigkeit: die Unkraft im Widerstande gegen