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1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
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Leiden. Der Ring des Nibelungen ist ein ungeheuresGedankensystem ohne die begriffliche Form des Ge-dankens. Vielleicht könnte ein Philosoph etwas ganzEntsprechendes ihm zur Seite stellen, das ganz ohneBild und Handlung wäre und blos in Begriffen zu unsspräche: dann hätte man das Gleiche in zwei disparatenSphären därgestellt: einmal für das Volk und einmal fürden Gegensatz des Volkes, den theoretischen Menschen.An diesen wendet sich also Wagner nicht; denn dertheoretische Mensch versteht von dem eigentlich Dich-terischen, dem Mythus, gerade so viel, als ein Taubervon der Musik, das heisst, Beide sehen eine ihnen sinn-los scheinende Bewegung. Aus der einen von jenendisparaten Sphären kann man in die andre nicht hinein-blicken: so lange man im Banne des Dichters ist, denktman mit ihm, als sei man nur ein fühlendes, sehendesund hörendes Wesen; die Schlüsse, die man macht, sinddie Verknüpfungen der Vorgänge, die man sieht, alsothatsächliche Causalitäten, keine logischen.

Wenn die Helden und Götter solcher mythischenDramen, wie Wagner sie dichtet, nun auch in Wortensich deutlich machen sollen, so liegt keine Gefahr näher,als dass diese Wortsprache in uns den theoretischenMenschen aufweckt und dadurch uns in eine andre,unmythische Sphäre hinüberhebt: so dass wir zuletztdurch das Wort nicht etwa deutlicher verstanden hätten,was vor uns vorgieng, sondern gar Nichts verstandenhätten. Wagner zwang desshalb die Sprache in einenUrzustand zurück, wo sie fast noch nicht in Begriffendenkt, wo sie noch selber Dichtung, Bild und Gefühlist; die Furchtlosigkeit, mit der Wagner an diese ganzerschreckende Aufgabe gieng, zeigt, wie gewaltsam ervon dem dichterischen Geiste geführt wurde, als Einer,

Nietzsche, Werke Band I. 36