Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
485
Einzelbild herunterladen
 

485

sonst üblichen DisputirÜbungen haben sie in natürlicherSchätzung ihrer Kräfte eingestellt. Ohne Zweifel ist manjetzt auf der Seite der einzelnen Wissenschaften logischer,behutsamer, bescheidner, erfindungsreicher, kurz es gehtdort philosophischer zu als bei den sogenannten Philo-sophen: so dass jedermann dem unbefangnen EngländerBagehot zustimmen wird, wenn dieser von den jetzigenSystembauern sagt:Wer ist nicht fast im Voraus über-zeugt, dass ihre Prämissen eine wunderbare Mischungvon Wahrheit und Irrthum enthalten und es daher nichtder Mühe verlohnt, über die Consequenzen nachzudenken ?Das fertig Abgeschlossne dieser Systeme zieht vielleichtdie Jugend an und macht auf die Unerfahrnen Eindruck,aber ausgebildete Menschen lassen sich nicht davonblenden. Sie sind immer bereit, Andeutungen und Ver-muthungen günstig aufzunehmen, und die kleinste Wahr-heit ist ihnen willkommen aber ein grosses Buch volldeductiver Philosophie fordert den Argwohn heraus.Zahllose unbewiesene abstracte Principien sind von san-guinischen Leuten hastig gesammelt und in Büchern undTheorien sorgfältig in die Länge gezogen worden, ummit ihnen die ganze Welt zu erklären. Aber die Weltkümmert sich nicht um diese Abstractionen, und das istkein Wunder, da diese sich unter einander widersprechen.Wenn ehedem die Philosophen, besonders in Deutschland,in so tiefes Nachdenken versunken waren, dass sie infortwährender Gefahr schwebten, mit dem Kopf an jedenBalken zu rennen, so ist ihnen jetzt, wie es Swift vonden Laputiern erzählt, eine ganze Schaar von Klapperernbeigegeben, um ihnen bei Gelegenheit einen sanftenSchlag auf die Augen oder sonst wohin zu geben. Mit-unter mögen diese Schläge etwas zu stark sein, dannvergessen . sich wohl die Erdentrückten und schlagen