Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
402
Einzelbild herunterladen
 

402

Ich schildere nichts als den ersten gleichsam physio-logischen Eindruck, welchen Schopenhauer bei mir her-vorbrachte, jenes zauberartige Ausströmen der innerstenKraft eines Naturgewächses auf ein anderes, das bei derersten und leisesten Berührung erfolgt; und wenn ichjenen Eindruck nachträglich zerlege, so finde ich ihn ausdrei Elementen gemischt, aus dem Eindrücke seiner Ehr-lichkeit, seiner Heiterkeit und seiner Beständigkeit. Erist ehrlich, weil er zu sich selbst und für sich selbstspricht und schreibt, heiter, weil er das Schwerste durchDenken besiegt hat, und beständig, weil er so sein muss.Seine Kraft steigt wie eine Flamme bei Windstille geradeund leicht aufwärts, unbeirrt, ohne Zittern und Unruhe.Er findet seinen Weg in jedem Falle, ohne dass wir auchnur merken, dass er ihn gesucht hätte; sondern wie durchein Gesetz der Schwere gezwungen läuft er daher, sofest und behend, so unvermeidlich. Und wer je gefühlthat, was das in unsrer Tragelaphen - Menschheit derGegenwart heissen will, einmal ein ganzes, einstimmiges,in eignen Angeln hängendes und bewegtes, unbefangenesund ungehemmtes Naturwesen zu finden, der wird meinGlück und meine Verwunderung verstehen, als ich Scho-penhauer gefunden hatte: ich ahnte, in ihm jenen Erzieherund Philosophen gefunden zu haben, den ich so langesuchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosserMangel. Um so mehr strengte ich mich an, durch dasBuch hindurch zu sehen und mir den lebendigen Men-schen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesenhatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machenverhiess, welche mehr sein wollten und konnten als nurseine Leser: nämlich seine Söhne und Zöglinge.