ähnlichen Gefahr sich befanden, in der wir uns befinden,nämlich an der Überschwemmung durch das Fremdeund Vergangne, an der „Historie“ zu Grunde zu gehen.Niemals haben sie in stolzer Unberührbarkeit gelebt: ihre„Bildung“ war vielmehr lange Zeit ein Chaos von aus-ländischen, semitischen, babylonischen, lydischen, ägyp-tischen Formen und Begriffen, und ihre Religion einwahrer Götterkampf des ganzen Orients: ähnlich etwawie jetzt die „deutsche Bildung“ und Religion ein insich kämpfendes Chaos des gesammten Auslandes, dergesammten Vorzeit ist. Und trotzdem wurde die helle-nische Cultur kein Aggregat, Dank jenem apollinischenSpruche. Die Griechen lernten allmählich das Chaoszu organisiren, dadurch dass sie sich, nach der del-phischen Lehre, auf sich selbst, das heisst auf ihre ächtenBedürfnisse zurück besannen und die Schein-Bedürfnisseabsterben Hessen. So ergriffen sie wieder von sich Be-sitz; sie blieben nicht lange die überhäuften Erben undEpigonen des ganzen Orients; sie wurden selbst, nachbeschwerlichem Kampfe mit sich selbst, durch die prak-tische Auslegung jenes Spruches, die glücklichsten Be-reicherer und Mehrer des ererbten Schatzes und dieErstlinge und Vorbilder aller kommenden Culturvölker.
Dies ist ein Gleichniss für jeden Einzelnen von uns:er muss das Chaos in sich organisiren, dadurch dass ersich auf seine ächten Bedürfnisse zurückbesinnt. SeineEhrlichkeit, sein tüchtiger und wahrhaftiger Charaktermuss sich irgendwann einmal dagegen sträuben, dassimmer nur nachgesprochen, nachgelernt, nachgeahmtwerde; er beginnt dann zu begreifen, dass Cultur nochetwas Andres sein kann als Dekoration des Lebens,das heisst im Grunde doch immer nur Verstellung undVerhüllung; denn aller Schmuck versteckt das Ge-