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den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört Ver-gessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht,sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durchund durch nur historisch empfinden wollte, wäre demähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungenwürde, oder dem Thiere, das nur vom Wiederkäuen undimmer wiederholten Wiederkäuen fortleben sollte. Also:es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklichzu leben, wie das Thier zeigt; es ist aber ganz und garunmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder,um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären:es giebt einen Grad von Schlaflosigkeit, vonWiederkäuen, von historischem Sinne, bei demdas Lebendige zu Schaden kommt und zuletztzu Grunde geht, sei es nun ein Mensch oder einVolk oder eine Cultur.
Um diesen Grad und durch ihn dann die Grenze zubestimmen, an der das Vergangne vergessen werdenmuss, wenn es nicht zum Todtengräber des Gegenwärtigenwerden soll, müsste man genau wissen, wie gross dieplastische Kraft eines Menschen, eines Volkes, einerCultur ist; ich meine jene Kraft, aus sich heraus eigen-artig zu wachsen, Vergangnes und Fremdes umzubildenund einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlornes zuersetzen, zerbrochne Formen aus sich nachzuformen.Es giebt Menschen, die diese Kraft so wenig besitzen,dass sie an einem einzigen Erlebniss, an einem einzigenSchmerz, oft zumal an einem einzigen zarten Unrecht,wie an einem ganz kleinen blutigen Risse, unheilbar ver-bluten; es giebt auf der anderen Seite solche, denen diewildesten und schauerlichsten Lebensunfälle und selbstThaten der eignen Bosheit so wenig anhaben, dasssie es mitten darin oder kurz darauf zu einem leid-