Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
390
Einzelbild herunterladen
 

390

dem Ideal dienen! Welchem Ideal? Sofort müssen wirein Ideal haben! Und woher nehmen und nicht stehlen! Das meine ist: eine nicht das Auge beleidigendeUnabhängigkeit, ein gemilderter und verkleideter Stolz,ein Stolz, welcher sich abzahlt an die Anderen, dadurchdass er nicht um ihre Ehren und Vergnügungen con-currirt und den Spott aushält. Dies soll meine Ge-wohnheiten veredeln: nie gemein und stets leutselig,nicht begehrlich, aber stets ruhig strebend und aufwärtsfliegend; einfach, ja karg gegen mich, aber milde gegenandere. Ein leichter Schlaf, ein freier, ruhiger Gang,kein Alkohol, keine Fürsten, noch andere Berühmtheiten,keine Weiber und Zeitungen, keine Ehren, kein Umgangausser mit dem der höchsten Geister und ab und zudes niederen Volkes dies ist unentbehrlich wie derAnblick von mächtiger und gesunder Vegetation diebereitesten Speisen, welche uns nicht in das Gedränge be-gehrlichen und schmatzenden Gesindels bringen, womöglichselbst bereitete oder der Bereitung nicht entbehrende.

Ideale der Art sind die vorwegnehmenden Hoff-nungen unserer Triebe, nichts weiter. So gewiss wirTriebe haben, verbreiten diese auch in unserer Phantasieeine Art Schema von uns selber, wie wir sein sollen,um unsere Triebe recht zu befriedigen dies ist idealisiren.Auch der Schurke hat sein Ideal: nicht gerade für unserbaulich. Es hebt ihn auch!

614.

Es drängt mich zu einer idealen Unabhängigkeit:Ort, Gesellschaft, Gegend, Bücher können nicht hochgenug gewählt werden, und anstatt sich zu accommo-diren und gemein zu werden, muss man entbehren könnenohne Dulderfalten.