Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 

336

3- Musik.

a) Allgemeines.

461.

Die Musik hat keinen Klang für die Entzückungendes Geistes; will sie den Zustand von Faust und Hamletund Manfred wiedergeben, so lässt sie den Geist wegund malt Genrüthszustände, die höchst unangenehm sindohne Geist und gar nicht zum Ansehen taugen; sie ver-gröbert und malt die Missvergnügtheit und den Jammer,vielleicht mit musikalischem Geiste; aber wie schreck-lich ist diese Kunst, wenn sie ohne Auswahl das Häss-liche malt: welche Martern sind den Tönen zu eigen,den aufdringlichen Tönen! Liegt es daran, dass unterden Musikern ein feiner und wohlgestalteter Geist über-haupt selten ist? Dass sie das Fühlen in sich nie iso-liren und seine Strahlenbrechung und Farbigkeit im Blitzdes Gedankens nicht kennen? Sie müssen alle Zuständevergröbern, gleichsam ins Unmenschliche zurücküber-setzen: wie als ob die Gedanken und die Worte nochnicht erfunden seien. Dies ist übrigens ein grosser Reiz:es ist Urnatur in der Musik: sie gehört in die Zeit, woman die wilde Natur- der Landschaft verehrt und dieHochgebirge entdeckt hat. Einer Gesellschaft, welcheden geistigen Genüssen nicht gewachsen ist, welche selbstzu gedankenarm für Gemälde ist, und überhaupt ihreKopf-Kraft schon verthan hat, wenn sie sich anschickt,sich zu ergötzen, bleibt der Appell an die Gefühle undSinne: und in diesen bietet der Musiker die anständigsteErgötzung. Schon gemeiner ist der Theatergenuss mitdem Conterfei menschlicher Vorgänge und dem grobenReize der directen Nachahmung aufregender Scenen.