Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
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Psychologie,

i. Allgemeines.

a) Wahrnehmung, Phantasie, Gedächtniss, Denken.

306.

Das Vervollständigen (zum Beispiel wenn wir dieBewegung eines Vogels als Bewegung zu sehen meinen),das sofortige Ausdichten geht schon in den Sinnes-wahrnehmungen los. Wir formuliren immer ganzeMenschen aus dem, was wir von ihnen sehen und wissen.Wir ertragen die Leere nicht, das ist die Unver-schämtheit unserer Phantasie: wie wenig an Wahrheitist sie gebunden und gewöhnt! Wir begnügen unskeinen Augenblick mit dem Erkannten (oder Erkenn-baren!). Das spielende Verarbeiten des Materialsist unsere fortwährende Grundthätigkeit, Übung also derPhantasie. Man denke als Beweis, wie mächtig dieseThätigkeit ist, an das Spielen des Sehnervs bei ge-schlossenem Auge. Ebenso lesen wir, hören wir. Dasgenaue Hören und Sehen ist eine sehr hohe Stufe derCultur, wir sind noch fern davon. Die Lügnereiwird noch gar nicht darin gefühlt! Dieses spontane Spielvon phantasirender Kraft ist unser geistiges Grundleben:die Gedanken erscheinen uns, das Bewusstwerden, dieSpiegelung des Processes im Process ist nur eine ver-hältnissmässige Ausnahme (vielleicht ein Brechen amContraste).