129
T^io.
Um die Monogamie und ihre grosse Wucht zu er-klären, soll man sich ja vor feierlichen Hypothesen hüten.Zunächst ist an einen moralischen Ursprung gar nicht zudenken; auch die Thiere haben sie vielfach. Überall, wodas Weibchen seltener ist als das Männchen oder seineAuffindung dem Männchen Mühe gemacht hat, entstehtdie Begierde, den Besitz desselben gegen neue Ansprücheanderer Männchen zu vertheidigen. Das Männchen lässtdas einmal erworbene Weibchen nicht wieder los, weiles weiss, wie schwer ein neues zu finden ist, wenn esdies verloren hat. Die Monogamie ist nicht freiwilligeBeschränkung auf ein Weib, während man unter vielendie Auswahl hat, sondern die Behauptung eines Besitz-thums in weiberarmen Verhältnissen. Deshalb ist dieEifersucht bis zu der gegenwärtigen Stärke angeschwollenund aus dem Thierreich her in überaus langen Zeiträumenauf uns vererbt. In den Menschenstaaten ist das Her-kommen der Monogamie vielfach aus verschiedenen Rück-sichten der Nützlichkeit sanctionirt worden, vor allemzum Wohle der möglichst fest zu organisirenden Familie.Auch wuchs die Schätzung des Weibes in derselben, sodass es von sich aus später das Verhältniss der Mono-gamie allen übrigen vorzog. Wenn thatsächlich dasWeib ein Besitzstück nach Art eines Haussclaven war,so stellte sich doch bei dem Zusammenleben zweierMenschen, bei gemeinsamen Freuden und Leiden, undweil das Weib auch manches verweigern konnte, inmanchem dem Mann als Stellvertreter dienen konnte,eine höhere Stellung des Eheweibes ein. — Jetzt, wo dieWeiber in den civilisirten Staaten thatsächlich in derMehrheit sind, ist die Monogamie nur noch durch die
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI.
9